Wetterfest im Wandel: Wie der Mittelstand durch den Faktor Mensch echte Resilienz aufbaut

Lieferkettenprobleme, Fachkräftemangel, Nachfolgeregelungen und eine rasante Digitalisierung: Für produzierende Unternehmen ist der Wandel zum Dauerzustand geworden. Doch Technologie allein macht noch nicht krisenfest. Das Forschungsprojekt „Readi“ zeigt, dass echte Widerstandskraft – also Resilienz – dort entsteht, wo digitale Systeme und die Bedürfnisse der Mitarbeitenden in Einklang gebracht werden. Die Forschungsergebnisse und das dazugehörige Ergebnis in Form einer Webseite mit einem Reifegradcheck helfen Unternehmen dabei, den eigenen Status quo zu bestimmen und konkret zu handeln.

Resiliente Unternehmen tun mehr, als nur Krisen zu überstehen – sie lernen daraus und gehen gestärkt in die Zukunft. Die Herausforderungen für produzierende Unternehmen in Deutschland sind inzwischen ein Dauerzustand geworden und nicht mehr nur begrenzt auf saisonale Zyklen. Lange Zeit wurde angenommen, dass vor allem neue Maschinen und Software diese Sicherheit garantieren. Die Ergebnisse des Projekts „Readi“ zeichnen jedoch ein anderes Bild: Isolierte Digitalisierungsmaßnahmen greifen oft zu kurz. Wirkliche Wandlungsfähigkeit entsteht erst, wenn Mensch, Technik und Organisation gleichrangig betrachtet werden.

Gerade im Mittelstand sind es die Mitarbeitenden, die im Ernstfall den Unterschied machen. Wenn digitale Werkzeuge an ihrem Arbeitsalltag vorbeigeplant werden, leidet nicht nur die Akzeptanz, sondern auch die Reaktionsgeschwindigkeit. Die Projektgruppe setzte daher auf einen dualen Ansatz: Ingenieursmethoden wurden mit Strategien aus dem „Collaborative UX Design“, der Arbeitswissenschaft und den Erfahrungen aus der betrieblichen Weiterbildung und dem Wissensmanagement verknüpft. Das Ziel war es, Missverständnisse auszuräumen und Lösungen zu schaffen, die in der Praxis auf dem Hallenboden wirklich funktionieren.

Das Reifegradmodell macht sichtbar, in welchen Bereichen – von der Führungskultur bis zur Technik – ein Unternehmen bereits widerstandsfähig ist und wo Nachholbedarf besteht.

Den eigenen Reifegrad erkennen

Doch wo setzt man den Hebel an? Um Resilienz greifbar zu machen, hat das Projektteam ein Reifegradmodell entwickelt, das Unternehmen in drei zentralen Bereichen durchleuchtet. Diese basieren auf einer Vielzahl von sog. Wandlungstreibern, -hemmern und -befähigern, sofern auf diese Einfluss genommen werden kann.

Der erste Bereich, „Strategie & Führung“, hinterfragt, wie offen die Unternehmenskultur für Innovationen ist und ob Führungskräfte ihre Teams aktiv in Veränderungen einbinden. Der zweite Bereich, „Kultur & Verhalten“, blickt auf die Lernbereitschaft: Werden Fehler als Chance begriffen? Wird Wissen im Unternehmen geteilt oder gehortet? Der dritte Bereich, „Vorbereitet sein & Risikomanagement“, prüft die technologische Basis: Wie flexibel sind die Produktionsanlagen und wie sicher sind die Daten?

Basierend auf diesen Säulen wurde ein Katalog aus rund 75 konkreten Maßnahmen – den sogenannten „Wandlungsbausteinen“ – erstellt. Über die Plattform https://resilienzchecker.de/ können Unternehmen nun in einem Selbsttest ermitteln, wo sie stehen, und erhalten direkt passende Handlungsempfehlungen. Zusätzlich kann eine eigene Priorisierung vorgenommen und somit das Ergebnis praxisnah und individuell gestaltet werden.

Neben pragmatischen Ansätzen zur Gestaltung von Lösungen wurde auch schnell sichtbar, wie wichtig eine agile Vorgehensweise ist. Die besten Modelle, Vorgehensweisen und Ideen machen nur dann Sinn, bzw. erfahren Akzeptanz, wenn sie schnell und regelmäßig einer Realitätsprüfung unterzogen werden. Das bedeutet auch, dass ein bereits geprüfter Ansatz beispielsweise vier Monate später erneut gesichtet werden muss, um auf neue Einflüsse und Veränderungen reagieren zu können (Beispiel: durch das Wegbrechen eines Kunden).

Dass das Modell nicht nur Theorie ist, beweisen dabei drei Pilotprojekte aus der Praxis. Beim Stahl- und Apparatebau Hans Leffer GmbH & Co. KG stand die Transparenz in der Fertigung im Fokus. Statt aufwendiger Rundgänge („Go and See“) mit Papierlisten wurde eine digitale Lösung entwickelt, die den Auftragsstatus in Echtzeit abbildet. Das Besondere: Die Software wurde in engen Feedbackschleifen direkt mit den Werkern entwickelt, was die Nutzerfreundlichkeit und Akzeptanz massiv steigerte. Dazu passende Schulungen und digitale Dokumentationen komplettierten dies.

Der Automobilzulieferer Adient Components Ltd. & Co. KG nutzte Virtual Reality (VR), um den Konstruktionsprozess von tonnenschweren Werkzeugen zu optimieren. Durch den Einsatz eines VR-Viewers mit Zusatzinformationen können Teams nun virtuell am 3D-Modell zusammenarbeiten, bevor das erste Stück Metall bearbeitet wird. Das spart teure Korrekturschleifen, fördert das gemeinsame Verständnis und erleichtert die Einarbeitung neuer Mitarbeitender.

Beim Metallverarbeiter Ellenberger GmbH & Co. KG lag der Schwerpunkt einerseits darauf, das Wissen der erfahrenen Belegschaft zu sichern, bevor diese in den Ruhestand geht. Es wurde eine Wissensdatenbank nach der Methode der Bedarfsmomente von Informationen aufgebaut, welche direkt die Mitarbeitenden im Prozess des Tuns unterstützen. So wird das „Kopfwissen“ einzelner Experten für alle nutzbar und die Abhängigkeit von Einzelpersonen sinkt – ein entscheidender Faktor für die Resilienz kleinerer Betriebe. Zusätzlich lag der zweite Schwerpunkt in der Verbesserung von Führungsthemen und der digitalen Zusammenarbeit. Mit Schulungen, Workshops und konkreten Maßnahmen wurde dies erlebbar gemacht.

Nach dem Resilienzcheck gibt es konkrete, bewährte Handlungsmaßnahmen, Methoden und Expertenempfehlungen.

Was bleibt vom Projekt? Hinweise auf KI und die Plattform.

Die Arbeit an der Resilienz endet nicht und wird Zusehens wichtiger. Künftige Herausforderungen, wie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Produktion, werden die Anforderungen und Komplexität an die Wandlungsfähigkeit weiter erhöhen. Dazu rückt immer stärker auch das Thema der Sicherung von Wissen und Informationen mit einer einfachen Art des Zugriffs in den Fokus. Auch hier gilt: Wer seine Prozesse und seine Kultur heute stärkt, ist morgen besser vorbereitet.

Für interessierte Unternehmen steht die Readi-Plattform auch nach Projektende kostenfrei zur Verfügung. Sie bietet nicht nur die Analyse des Ist-Zustands, sondern liefert maßgeschneiderte Vorschläge aus dem Pool der Wandlungsbausteine und Methoden. So wird aus dem abstrakten Begriff „Resilienz“ ein konkreter Fahrplan, den Geschäftsführung und Belegschaft gemeinsam umsetzen können. Fachexperten zu den jeweiligen Themenfeldern stehen zusätzlich zur Verfügung.


Zielgruppe: Das Angebot richtet sich an produzierende KMU, die ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen stärken und die digitale Transformation menschzentriert gestalten wollen.

Methodik: Der Ansatz „Readi“ kombiniert klassische Ingenieursmethoden (VDI 2221), Erfahrungen aus der betrieblichen Weiterbildung, arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen und agilem UX-Design. Herzstück ist ein Reifegradmodell, das Strategie, Kultur und Technik gleichermaßen gewichtet.

Portfolio: Auf https://resilienzchecker.de/ finden Unternehmen ein kostenloses Self-Assessment-Tool, das den eigenen Reifegrad ermittelt, sowie einen Katalog von 75 konkreten Maßnahmen („Wandlungsbausteine“) zur Verbesserung.

Referenzkunden: Die Methoden wurden validiert bei:

  • Adient (Automobilzulieferer): VR in der Konstruktion.
  • Leffer (Apparatebau): Digitalisierung von Fertigungsprozessen.
  • Ellenberger (Metallverarbeitung): Wissensmanagement und Führungskräfteentwicklung.
Dieses Forschungs- und Entwicklungsprojekt wird/wurde durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Forschungsprogramm „Zukunft der Wertschöpfung (02J21C040) gefördert und vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreut. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei der Autorin / beim Autor / bei den Autoren.

 



Der Autor

Eiko Isler

Seit Jahren gestalte ich Lernkulturen, Multiplikator Programme und internationale Weiterbildungskonzepte. Als Projektleiter und Berater entwickle ich moderne Blended Learning Strecken, begleite Akademie Modernisierungen und unterstütze Mitarbeitende und Führungskräfte praxisnah und wirksam.