Kühler Kopf im Ereignisfall
Brandschutztraining weitergedacht: Virtual Reality steigert die Wirksamkeit bewährter Konzepte

Ein Brand im Zug ist ein Szenario, das niemand erleben möchte. Trotzdem müssen Zugbegleitende und Triebfahrzeugführende genau darauf vorbereitet sein. Wenn Sekunden über Sicherheit entscheiden, zählen klare Abläufe, besonnenes Handeln und Routine. Diese Fähigkeiten werden seit Jahren praxisnah trainiert und künftig noch breiter sowie näher an der Wirklichkeit vertieft, in einem Projekt von DB Fernverkehr und DB Training zur Weiterentwicklung der Qualifizierung im Bahnkonzern.

Sicherheit zählt zu den zentralen Grundpfeilern des Bahnverkehrs. Täglich sind Millionen Menschen auf den Schienen unterwegs, und jeder Zug ist ein komplexes Zusammenspiel aus Technik, Organisation und menschlichem Handeln. Damit dieses System zuverlässig funktioniert, braucht es klare Abläufe, regelmäßige Kontrollen und Mitarbeitende, die in jeder Situation wissen, was zu tun ist. Denn trotz modernster Sicherheitstechnik bleibt der Mensch der entscheidende Faktor – vor allem dann, wenn Unvorhergesehenes passiert.

Die Sicherheitsarchitektur der Bahn basiert auf einem komplexen Zusammenspiel aus technischen Systemen, organisatorischen Abläufen und menschlichem Eingreifen. Während automatische Brandmelde- und Löschanlagen potenzielle Risiken früh erkennen, bleibt die Einschätzung vor Ort Aufgabe des Personals. Gerade diese Schnittstelle zwischen Technik und Mensch ist entscheidend: Sie verlangt nicht nur Fachwissen, sondern auch Reaktionsvermögen und situatives Urteilsvermögen.

Brände an Bord gehören zu den seltenen, aber gefährlichsten Ereignissen im Bahnbetrieb. Sie entstehen selten, können jedoch binnen Sekunden zur Bedrohung werden. Für das Zugpersonal bedeutet das, unter hohem Druck Ruhe zu bewahren, Entscheidungen zu treffen und Fahrgäste gezielt zu leiten. In solchen Momenten greifen Wissen, Erfahrung und Einschätzungsvermögen ineinander. Weil ein Brand nicht planbar zu üben ist, wurde bisher auf strukturierte Ablaufübungen gesetzt.

Genau hier setzt ein Qualifizierungsansatz innerhalb des DB-Konzerns an. Ziel war es, eine Lernform einzusetzen, die das richtige Verhalten in Ausnahmesituationen realitätsnah vermittelt, ohne die Sicherheit unserer Mitarbeitenden zu gefährden.

Lernbedarfe

Virtuelles Feuer, echte Verantwortung: Das Training kombiniert digitale Immersion mit physischem Feedback: So entsteht echtes Erfahrungslernen.

Im Fernverkehr stehen die Mitarbeitenden täglich vor der Aufgabe, Service, Sicherheit und Pünktlichkeit miteinander zu verbinden. Besonders das Bordpersonal trägt dabei eine doppelte Verantwortung: Es repräsentiert die Bahn gegenüber den Fahrgästen und muss zugleich in kritischen Situationen schnell und richtig handeln. Dafür werden Zugbegleitende und Triebfahrzeugführende bereits umfassend theoretisch und praktisch qualifiziert, um im Ereignisfall handlungssicher agieren zu können. Die bestehenden Trainings vermitteln die relevanten Abläufe und Sicherheitsvorgaben verlässlich und regelkonform. Um diese umfassende Qualifizierung zu komplettieren und den Ereignisfall erlebbarer zu gestalten, ergänzt Virtual Reality das Training dort, wo reale Übungsmöglichkeiten begrenzt sind.

Ein Brand im Zug gehört zu den Situationen, die im Arbeitsalltag nur selten auftreten, im Ernstfall jedoch höchste Konzentration und Routine erfordern. Die Abfolge der notwendigen Entscheidungen – von der Alarmierung über die Lageeinschätzung bis hin zu möglichen Lösch- oder Evakuierungsmaßnahmen – ist bekannt, lässt sich jedoch nur begrenzt unter realen Bedingungen trainieren. Hier setzt Virtual Reality an: Sie vertieft vorhandenes Wissen, festigt die Handlungsroutine und macht das Lernen so anschaulich, dass Abläufe auch in anspruchsvollen Situationen sicher abrufbar bleiben.

Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage, wie Qualifizierungen zusätzlich so gestaltet werden können, dass sie nachhaltig wirken und zugleich unabhängiger von realen Zügen oder Geräten sind, die für Trainingszwecke nur zeitlich begrenzt zur Verfügung stehen. Der Wunsch nach einer flexiblen, ressourcenschonenden und erlebnisorientierten Ergänzung der bestehenden Ausbildung war deutlich. Ziel war es, ein Format zu schaffen, das kognitive und emotionale Lernprozesse verbindet und so die Nachhaltigkeit der Qualifizierung weiter erhöht.

Projektverlauf

Von der ersten Idee bis zur Umsetzung war das Projekt ein Gemeinschaftswerk mehrerer Fachbereiche innerhalb des DB-Konzerns und des Luxemburgischen Kooperationspartners CFL. Ausgangspunkt war die Frage, wie sich unser bislang praxisnah vermitteltes Brandschutzwissen unmittelbarer und näher an der tatsächlichen Situation erfahrbar machen lässt. Gemeinsam entwickelten DB Fernverkehr, DB Training und die Fachleute von DB Systel ein Konzept, das technisches Know-how, didaktische Kompetenz und operative Erfahrung zusammenführte.

Zu Beginn stand die Analyse bestehender Regelabläufe im Mittelpunkt. Verschiedene Brandszenarien wurden überprüft, verglichen und so aufbereitet, dass sie die gesamte Spannbreite möglicher Situationen im Zug abbilden, vom kleinen Schwelbrand bis hin zur kritischen Lage mit Evakuierungsentscheidung. Daraus entstanden drei realistische Szenarien, die als Grundlage für das Training dienen sollten. Schon in dieser Phase arbeiteten Brandschutzexpert:innen, Trainer:innen und erfahrene Zugbegleitende eng zusammen, um sicherzustellen, dass die Inhalte sowohl fachlich präzise als auch praxistauglich bleiben.

In der anschließenden Produktionsphase galt es, diese Konzepte in ein interaktives Lernformat zu überführen. Die technische Umsetzung erforderte eine enge Abstimmung zwischen Didaktik und Entwicklung. Regelmäßige Sprints und Testdurchläufe halfen, die Anwendung Schritt für Schritt zu optimieren. Rückmeldungen aus den Testgruppen flossen direkt in die Weiterentwicklung ein – ein Prozess, der von Beginn an auf Qualität und Anwenderfreundlichkeit ausgelegt war.

Bei Testläufen in internen Trainingszentren wurde das Zusammenspiel aus Technik und Didaktik kontinuierlich überprüft. Besonders wertvoll waren dabei die Rückmeldungen des Zugpersonals, das seine Erfahrungen aus dem Alltag einbrachte, etwa zu Kommunikationsabläufen oder typischen Stressmomenten. So entstand Schritt für Schritt ein Training, das sich spürbar an realen Einsatzszenarien orientiert.

Die enge Abstimmung zwischen den beteiligten Fachbereichen erwies sich dabei als entscheidend. Unterschiedliche Perspektiven, von der technischen Machbarkeit über die didaktische Gestaltung bis hin zur praktischen Anwendbarkeit im Zugbetrieb, wurden bewusst zusammengeführt, um eine realistische und zugleich lernförderliche Trainingsumgebung zu schaffen.

Parallel wurde die Einführung vorbereitet: Die Schulung von Trainierenden und Technikverantwortlichen, die Auswahl passender Hardware und die Vorbereitung der Trainingsstandorte. Dabei zeigte sich, wie wichtig die kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Einheiten war. Durch das fortlaufende Feedback entstand nicht nur ein ausgereiftes Lernangebot, sondern auch ein gemeinsames Verständnis für die Bedeutung digital unterstützter Qualifizierung im sicherheitsrelevanten Bereich.

Projektergebnis

Auswertung in Echtzeit: Das Trainer:innen-Menü macht Lernfortschritte sichtbar – von der Brandmeldung bis zur Evakuierungsentscheidung.

Das neue Trainingsformat hat sich schnell als wirkungsvolle Ergänzung zur bestehenden Qualifizierung erwiesen. Die Kombination aus realitätsnaher Darstellung in einer sicheren Lernumgebung hilft dem Zugpersonal, bekannte Abläufe zu verinnerlichen und zugleich die Entscheidungssicherheit zu stärken. Das Training umfasst drei realitätsnahe Szenarien: Feststellung eines Brandes, Lagebeurteilung sowie Entscheidungen über Lösch- oder Evakuierungsmaßnahmen. So entsteht ein klares Verständnis dafür, wie komplex solche Situationen sind und wie wichtig ruhiges, regelkonformes Handeln bleibt.

Ein besonderes Merkmal des Projekts ist der hohe Grad an Immersion. In der virtuellen Umgebung erleben die Teilnehmenden realistische Brandsituationen mit allen dazugehörigen Geräuschen, Bewegungen und Handlungsmöglichkeiten. Dabei agieren sie mit einem echten, mit Sensoren ausgestatteten Feuerlöscher, der in der Anwendung wie im realen Einsatz funktioniert. Diese Verbindung aus digitaler Simulation und physischem Feedback steigert nicht nur den Lerneffekt, sondern auch die emotionale Beteiligung. Die Teilnehmenden spüren unmittelbar, wie schnell ein Feuer außer Kontrolle geraten kann und wie entscheidend frühes, überlegtes Handeln ist.

Das Feedback fiel durchweg positiv aus: Die Teilnehmenden berichteten von realitätsnäherem Erleben, vertieftem Verständnis und klareren Abläufen; Trainer:innen und Verantwortliche hoben hohe Akzeptanz und Praxistauglichkeit hervor.  Die Schulungen lassen sich flexibel an den Standorten durchführen, unabhängig von realen Zügen oder Geräten. Dadurch werden Ressourcen geschont, die Umwelt entlastet und die Qualifizierungsprozesse effizienter gestaltet. Zugleich verdeutlicht das Format, dass Sicherheit aus dem Zusammenspiel von Wissen, Aufmerksamkeit und Verantwortung entsteht.

Fazit

Mit dem neuen Trainingsformat bauen DB Fernverkehr und DB Training auf bestehender Theorie und bewährten Ablaufübungen auf und führen den Umgang mit Bränden im Zug in sichere, realitätsnähere Szenarien über – ohne echte Gefährdung, aber mit praxisrelevanten Entscheidungen. Das Projekt zeigt, wie moderne Lernmethoden dazu beitragen können, sicherheitsrelevantes Wissen nicht nur zu vermitteln, sondern dauerhaft im Bewusstsein zu verankern.

Besonders hervorzuheben ist der Beitrag zur Sicherheitskultur im Bahnkonzern: Das Training sensibilisiert für kritische Situationen, stärkt das Verantwortungsbewusstsein und schafft Routine im richtigen Handeln. Zugleich wird deutlich: Digitale Technologien ergänzen Lernen sinnvoll – besonders in Bereichen, in denen Teilnehmende nicht in Gefahrensituationen gebracht werden können und sollen.

Das Projekt verdeutlicht zugleich, wie sich Lernen im Konzernumfeld weiterentwickelt: weg von standardisierten Schulungsformaten hin zu erlebnisorientierten, situativen Lernprozessen. Es zeigt, dass Kompetenzentwicklung dann besonders wirksam ist, wenn sie den realen Arbeitskontext einbezieht und Mitarbeitende aktiv in die Rolle der Handelnden versetzt. Dabei wird sichtbar, wie Technologie und Didaktik zusammenwirken können, um sicherheitsrelevantes Handeln erlebbar zu vermitteln, wofür die Jury den eLearning AWARD 2026 in der Kategorie „Virtuelle Lernwelt“ mit dem Schwerpunkt „Brandschutz-Training“ vergibt. Herzlichen Glückwunsch!


Keytakeaways

Ausgangssituation:

  • Theorie gab das Wissen. Reale Übungen wären zu riskant, deshalb blieb die Praxis auf Abläufe beschränkt.
  • Seltene Situationen ließen sich nur eingeschränkt erleben.

Projektziel:

  • Entwicklung eines realitätsnahen, sicheren Trainingsformats.
  • Stärkung von Routine, Entscheidungsfähigkeit und Ruhe in kritischen Situationen.

Umsetzung:

  • VR-Training mit drei realistischen Brandszenarien, entwickelt in agiler Zusammenarbeit mehrerer DB-Einheiten.
  • Kombination aus digitaler Simulation und physischem Feuerlöscher für praxisnahes Lernen.

Messung:

  • Positives Feedback von Teilnehmenden, Trainer:innen und Verantwortlichen zu Lernerlebnis, Handlungssicherheit und Akzeptanz.
  • Effizientes, ressourcenschonendes Format mit hoher Übertragbarkeit auf weitere Sicherheitsbereiche.

Projektverantwortlicher

DB Fernverkehr AG
Nicole Szabo
Senior Referentin Qualifizierungsmanagement und Lerntransformation
nicole.szabo@deutschebahn.com
Europa-Allee 78-84
60486 Frankfurt a. Main
www.deutschebahn.com

 

DB Training, Learning & Consulting
Ann-Marie Letourneur
Projektmanagerin
ann-marie.letourner@deutschebahn.com
Kleyerstr. 27
60326 Frankfurt a. Main
www.deutschebahn.com