Wenn Barrieren zu Brücken werden
Ein Kurs, der Strukturen erklärt, Menschen verbindet und Wissen öffnet
Wie lässt sich ein komplexes Geflecht aus Ämtern, Ausschüssen und Gremien so vermitteln, dass es für alle verständlich und zugänglich wird? Vor dieser Frage stand der Landesbetrieb Information und Technik NRW und entwickelte gemeinsam mit der M.I.T e-Solutions GmbH eine Lösung, die zeigt, wie modernes Lernen im öffentlichen Dienst gelingen kann: strukturiert, inklusiv und praxisnah. Entstanden ist eine digitale Wissensreise, die Orientierung schafft, Zusammenarbeit erleichtert und beweist, dass Barrierefreiheit kein Zusatz ist, sondern der Schlüssel zu chancengerechtem und innovativem Lernen.
Hinter jeder Statistik steckt Zusammenarbeit – zwischen Bund und Ländern, Ämtern und Gremien, Menschen und Prozessen. Damit Informationen über Bevölkerung, Wirtschaft oder Umwelt bundesweit einheitlich erhoben werden, arbeiten das Statistische Bundesamt und die Statistischen Landesämter im sogenannten Statistischen Verbund eng zusammen. Dieses Netzwerk bildet das Rückgrat der amtlichen Datenproduktion in Deutschland mit zahlreichen Gremien, Arbeitsgruppen und Abstimmungsprozessen, die sicherstellen, dass aus vielen Einzelbeiträgen ein verlässliches Gesamtbild entsteht.
Gerade im öffentlichen Dienst, der zunehmend digitaler arbeitet, werden Lern- und Wissensstrategien immer wichtiger. Große Organisationen mit vielfältigen Zuständigkeiten stehen vor der Herausforderung, Wissen aktuell zu halten und für alle Mitarbeitenden zugänglich zu machen.
Für den Landesbetrieb Information und Technik NRW, das statistische Landesamt des Landes Nordrhein-Westfalen, stellte sich damit eine zentrale Frage: Wie lässt sich Wissen über Strukturen, Abläufe und Verantwortlichkeiten im Statistischen Verbund so aufbereiten, dass es verständlich, praxisnah und für alle zugänglich ist – unabhängig von Erfahrung oder individuellen Voraussetzungen?
Lernbedarfe

Verlässliche Statistiken entstehen nur, wenn Abläufe abgestimmt sind und alle Beteiligten ein gemeinsames Verständnis teilen. Doch gerade im Zusammenspiel zwischen Bund und Ländern zeigte sich, dass viele Mitarbeitende nur begrenzt Einblick in die komplexen Strukturen des Statistischen Verbundes hatten. Wer neu in einem der statistischen Ämter begann, sah sich mit einer Vielzahl von Gremien, Ausschüssen und Arbeitsgruppen konfrontiert, deren Zuständigkeiten und Aufgaben sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Auch erfahrene Kolleg:innen konnten im Alltag oft nicht nachvollziehen, wie Entscheidungen entstehen oder an wen sie sich bei fachlichen Fragen wenden können.
Dieses fehlende Gesamtbild erschwerte den Wissenstransfer und führte dazu, dass Informationen häufig in einzelnen Bereichen verblieben. Besonders beim Onboarding neuer Mitarbeitender zeigte sich der Bedarf nach einer klaren, zentralen Einführung in den Statistischen Verbund. Statt auf einheitliche, digital verfügbare Materialien zurückgreifen zu können, mussten neue Kolleg:innen sich mühsam durch Dokumente, Intranet-Seiten oder persönliche Gespräche arbeiten.
Zugleich wurde klar, dass Lernangebote im öffentlichen Dienst den unterschiedlichen Voraussetzungen der Mitarbeitenden gerecht werden müssen. Sie bringen verschiedene technische Erfahrungen, Lerngewohnheiten und Bedürfnisse mit, von erfahrenen IT-Fachleuten bis hin zu Personen mit wenig digitaler Routine. Das erforderte ein Lernformat, das verständlich, barrierefrei und intuitiv bedienbar ist und niemanden ausschließt.
Aus dieser Erkenntnis entstand der Impuls, Wissen im Statistischen Verbund nicht nur zugänglich zu machen, sondern neu zu denken – vollständig, inklusiv und nachhaltig. So sollte eine gemeinsame Wissensbasis geschaffen werden, die effiziente Zusammenarbeit und ein einheitliches Verständnis im bundesweiten Netzwerk stärkt.
Projektverlauf
Aus dem erkannten Bedarf heraus entstand bei IT.NRW der Entschluss, Wissen im Statistischen Verbund auf neue Weise zugänglich zu machen: als Lernprojekt, das Information mit Erlebnis verbindet. Gemeinsam mit der M.I.T e-Solutions GmbH startete ein mehrstufiges Entwicklungsprojekt mit dem Ziel, komplexe Inhalte verständlich, praxisnah und zugleich für alle zugänglich zu gestalten. Von Beginn an war klar, dass es nicht um ein klassisches Web Based Training gehen würde, sondern um ein digitales Lernangebot, das Wissen erlebbar macht und Inklusion sichtbar werden lässt.
Am Anfang stand die inhaltliche Sammlung: Fachliche Ansprechpartner:innen aus den statistischen Ämtern lieferten Basisinformationen, die anschließend zu einem didaktischen Konzept verdichtet und mit den zuständigen Gremien abgestimmt wurden. In der anschließenden Drehbuchphase wurden Szenen, Dialoge und Visualisierungen detailliert ausgearbeitet, inklusive barrierefreier Elemente wie Alternativtexte, klare Sprachführung und Untertitel.
Ein erster Prototyp diente der praktischen Erprobung. Fachexpert:innen und künftige Nutzer:innen testeten Verständlichkeit, Zugänglichkeit und Interaktivität der Inhalte. Ihre Rückmeldungen flossen direkt in die iterative Entwicklung ein, bei der einzelne Lernmodule – sogenannte Nuggets – schrittweise erstellt und optimiert wurden. Regelmäßige Abstimmungen zwischen IT.NRW, M.I.T und Fachvertreter:innen stellten sicher, dass didaktische Qualität und technische Zugänglichkeit Hand in Hand gingen.
Ein zentrales Merkmal des Projekts war die konsequente Umsetzung der Anforderungen der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0). Dafür wurde ein eigenes WBT-Layout entwickelt, das von Grund auf für Screenreader, Tastatursteuerung und variable Schriftgrößen ausgelegt war. Parallel entstanden zwei Varianten: eine Standardversion mit multimedialen Interaktionen und eine barrierefreie Version, die dieselben Inhalte in angepasster Form anbietet, mit Alternativtexten, klarer Navigation und Ersatzformen für komplexe Interaktionen.
Begleitet wurde die Entwicklung durch eine gezielte Kommunikations- und Einführungsstrategie. Über interne Newsletter, Informationsveranstaltungen und Multiplikator:innen in den Ämtern wurde die Belegschaft frühzeitig eingebunden. In einer Pilotphase sammelte IT.NRW systematisch Rückmeldungen, die in die finale Version einflossen. Anschließend erfolgte der Rollout an rund 15.000 Mitarbeitende der statistischen Ämter Deutschlands.
Projektergebnis

Aus einem komplexen System wurde eine erlebbare Lernreise: Sie vermittelt Wissen verständlich, macht Strukturen sichtbar und zeigt, wie digitale Bildung im öffentlichen Dienst gelingen kann. Die Learning Journey erklärt den Statistischen Verbund Schritt für Schritt, stellt Zusammenhänge her und schafft Transparenz in einem System, das zuvor nur schwer zu überblicken war. Neue Mitarbeitende finden damit einen verständlichen Einstieg in Strukturen, Aufgaben und Zuständigkeiten, während erfahrene Kolleg:innen die Module als praxisnahes Nachschlagewerk nutzen können.
Die modulare Struktur des Microlearnings ermöglicht eine flexible Nutzung. Inhalte können als zusammenhängende Wissensreise oder einzeln als thematische Nuggets bearbeitet werden. Kurze Lerneinheiten, interaktive Elemente und eine klare Navigation sorgen dafür, dass Wissen gezielt vertieft oder bei Bedarf aufgefrischt werden kann, ohne Zeitverlust im Arbeitsalltag. Das macht Lernen intuitiv, und integriert sich mühelos in die tägliche Arbeit. Die Kombination aus Storytelling, Dialogen und visuellen Elementen macht abstrakte Verwaltungsprozesse greifbar und erhöht die Motivation, sich aktiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Gleichzeitig fördert die Lernreise den Austausch zwischen den statistischen Ämtern und schafft ein gemeinsames Verständnis für Aufgaben, Rollen und Ziele im Verbund.
Besonders hervorzuheben ist die barrierefreie Umsetzung nach den Anforderungen der BITV 2.0. Alle Inhalte sind so gestaltet, dass sie unabhängig von individuellen Voraussetzungen zugänglich sind – von der Tastaturnavigation über Screenreader-Kompatibilität bis hin zu Alternativtexten für Grafiken und Abbildungen. Damit setzt IT.NRW ein deutliches Signal: Lernangebote müssen sich an die Nutzenden anpassen – nicht umgekehrt. Mit der Entscheidung, sowohl eine Standard- als auch eine barrierefreie Version anzubieten, hat der Landesbetrieb ein sichtbares Zeichen für gelebte Inklusion gesetzt. Das Projekt zeigt, dass Barrierefreiheit kein technischer Zusatz ist, sondern ein Prinzip, das Lernen für alle öffnet und das Bewusstsein für Vielfalt nachhaltig stärkt.
Auch die Resonanz in der Zielgruppe bestätigt diesen Erfolg. Die Lernreise stieß auf hohe Akzeptanz, insbesondere im Onboarding neuer Mitarbeitender. Rückmeldungen aus der Pilotphase zeigten, dass das digitale Format Orientierung gibt, Abläufe verständlicher macht und Hemmschwellen im Umgang mit komplexen Verwaltungsstrukturen senkt. Durch Übungsaufgaben und Zusammenfassungen am Ende der Module wird das Gelernte nachhaltig verankert und in den Arbeitsalltag überführt.
Fazit
Das Projekt überzeugt nicht nur durch sein Ergebnis, sondern vor allem durch seine nachhaltige Wirkung. Die didaktische und technische Konzeption bietet langfristige Perspektiven: Dank der modularen Struktur lassen sich Inhalte jederzeit erweitern, aktualisieren und auf andere Themen übertragen: innerhalb von IT.NRW ebenso wie in anderen Behörden. So entsteht nicht nur ein flexibles Lernsystem, sondern auch eine Blaupause für die digitale Wissensvermittlung im öffentlichen Dienst. Durch die offene Struktur kann das Lernangebot künftig auch in anderen Verwaltungskontexten genutzt werden, etwa zur Einführung neuer Verfahren oder bei organisationsweiten Veränderungsprozessen.
Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass Inklusion und Innovation keine Gegensätze sind. Die barrierefreie Umsetzung macht deutlich, wie sich technologische Kompetenz und gesellschaftliche Verantwortung verbinden lassen. Lernen wird hier zu einem gemeinschaftlichen Prozess, bei dem alle Mitarbeitenden von denselben Chancen profitieren – unabhängig von Erfahrung, Rolle oder Zugangsvoraussetzungen.
Weit mehr als ein digitales Lernangebot steht die Wissensreise für ein neues Selbstverständnis des öffentlichen Dienstes – offen, vernetzt und inklusiv. IT.NRW zeigt, wie nachhaltige Lernkonzepte dann am stärksten wirken, wenn sie Kultur verändern und Menschen verbinden. Für die vorbildliche Verbindung von Inklusion, Didaktik und Technologie verleiht die Jury den eLearning AWARD 2026 in der Kategorie „Web Based Training“ mit dem Schwerpunkt „Barrierefreiheit“. Herzlichen Glückwunsch!
Keytakeaways
Ausgangssituation:
- Fehlender Gesamtüberblick über Strukturen und Zuständigkeiten im Statistischen Verbund.
- Dezentraler Wissenstransfer, uneinheitliches Onboarding, begrenzte Zugänglichkeit.
Projektziel:
- Verständliche, barrierefreie Einführung in den Statistischen Verbund.
- Einheitliches Verständnis und effiziente Zusammenarbeit fördern.
Umsetzung:
- Entwicklung eines modularen, barrierefreien eLearnings mit Storytelling und Microlearning.
- Iterative Erstellung mit Prototyp, Pilotphase und Feedback aus der Praxis.
Messung:
- Hohe Akzeptanz und bessere Orientierung im Onboarding.
- Nachhaltiger Wissenstransfer durch interaktive Übungen und Zusammenfassungen.
Projektverantwortliche
Landesbetrieb Information und Technik NRW
Michael Nöthlichs
Servicebündel IT für Statistik, Beratung & Koordination
ITfS-Koordinierung@it.nrw.de
Roßstraße 64
40476 Düsseldorf
www.it.nrw
M.I.T e-Solutions GmbH
Oliver Esser
Senior Key Account Manager Corporate Learning & Compliance
o.esser@mit.de
Am Houiller Platz 4c
61381 Friedrichsdorf
www.mit.de



