Integration durch Lernen
Wie Bildung Mut macht, Grenzen zu überwinden und Zukunft zu gestalten
Wie kann Lernen Brücken schlagen – zwischen Sprachen, Kulturen und Lebenswegen? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines Projekts, das Bildung neu denkt. Gemeinsam mit der Hamburger Initiative „Chick Peace“ hat die DGBB GmbH mit ihrer Deutschen Hotelakademie ein Qualifizierungsprogramm entwickelt, das geflüchteten Frauen den Weg in die Gastronomie ebnet. Theorie und Praxis greifen dabei ineinander: Digitale Lerninhalte begleiten reale Arbeitserfahrungen, und Lernen findet dort statt, wo das Leben spielt. So entsteht ein Ansatz, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern echte Perspektiven eröffnet.
Der Fachkräftemangel in der Gastronomie und Hotellerie ist seit Jahren spürbar. Gleichzeitig leben in Deutschland viele geflüchtete Frauen, die über praktische Fähigkeiten und Lebenserfahrung verfügen – aber kaum Chancen haben, diese in den Arbeitsmarkt einzubringen. Sprachliche Barrieren, fehlende Anerkennung von Abschlüssen und der schwierige Zugang zu Bildung erschweren den Einstieg in Beschäftigung, besonders in kommunikativen Berufen.
Angesichts anhaltender Personalnot und einer wachsenden Zahl von Integrationsinitiativen gewinnt das Thema neue Bedeutung. Doch klassische Ausbildungswege erreichen immer weniger Menschen. Für Geflüchtete bleibt damit oft der Zugang zu Sicherheit, Entwicklung und Teilhabe verwehrt.
Gleichzeitig zeigen viele lokale Initiativen, dass der Wille zu lernen und sich einzubringen groß ist, wenn Bildung an die Lebensrealität der Menschen anknüpft. Denn Lernen bedeutet in diesem Zusammenhang weit mehr als Wissensvermittlung: Es kann der Schlüssel zu Selbstständigkeit, Integration und einem neuen Selbstverständnis sein.
Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, Qualifizierung so zu gestalten, dass sie auch Menschen erreicht, die bislang kaum Zugang zu digitaler oder beruflicher Bildung hatten – niedrigschwellig, praxisnah und nah am Alltag. Drei Partner haben sich zusammengetan, um den Zugang zu Bildung und Arbeit für geflüchtete Frauen neu zu gestalten.
Lernbedarfe

Die Ausgangslage machte deutlich, dass klassische Bildungsangebote viele geflüchtete Frauen nicht erreichen. Fehlende Sprachkenntnisse, eingeschränkter Zugang zu digitalen Lernplattformen und ein Bildungssystem, das auf formale Abschlüsse setzt, lassen vorhandene Kompetenzen kaum sichtbar werden.
Viele der Frauen bringen praktische Erfahrung mit: Sie haben in ihren Herkunftsländern gekocht, organisiert und Verantwortung getragen. Fähigkeiten, die in der Gastronomie wertvoll sind, hierzulande aber selten als Qualifikation gelten.
Zugleich stehen sie vor der Herausforderung, mit einer neuen Sprache, ungewohnten Lernformen und einem völlig anderen Arbeitsalltag umzugehen. Lernangebote, die sich stark an Theorie oder abstrakten Fachbegriffen orientieren, schrecken eher ab, als dass sie motivieren. In der Gastronomie wächst gleichzeitig der Druck, offene Stellen zu besetzen und neue Zielgruppen für Ausbildung und Beschäftigung zu gewinnen.
Der Lernbedarf lag daher nicht allein in der Vermittlung von Fachwissen, sondern in der Verbindung von Sprache, Praxis und Selbstvertrauen. Gesucht war ein Ansatz, der Kompetenzen sichtbar macht, Sprache fördert und Lernen eng mit Praxis verknüpft. So kann der Schritt von erlernten Alltagsfähigkeiten hin zu anerkannten beruflichen Qualifikationen gelingen – ein Ansatz, den die Deutsche Hotelakademie, eine Akademie der DGBB GmbH, gemeinsam mit der Initiative „Chick Peace“ in einem Projekt aufgegriffen hat. „Chick Peace“ ist ein Cateringservice und zugleich Social Business aus Hamburg, das Frauen mit Fluchthintergrund qualifiziert, beschäftigt und ihnen über praktische Arbeit in der Küche einen Zugang in die Gastronomie eröffnet.
Projektverlauf
Am Anfang stand eine gemeinsame Bestandsaufnahme: In einem zweitägigen Kick-off-Workshop entwickelten Fachleute der Deutschen Hotelakademie und der Hamburger Initiative „Chick Peace“ die Grundlagen für das Projekt. Schnell zeigte sich, dass das Thema Geringqualifizierung bisher weder in der Gastronomie noch bei den beteiligten Bildungsanbietern ein etabliertes Feld war. Entsprechend galt es, ein völlig neues Qualifizierungskonzept zu entwickeln – eines, das niederschwellig ansetzt und zugleich den Anforderungen eines professionellen Ausbildungsrahmens gerecht wird.
Von Beginn an legten alle Beteiligten Wert auf einen kontinuierlichen Austausch: Während die Deutsche Hotelakademie die didaktische und inhaltliche Ausgestaltung übernahm, brachte Chick Peace seine Praxiserfahrungen und den direkten Zugang zur Zielgruppe ein. So entstand ein enger Schulterschluss zwischen Theorie und Praxis, der die Grundlage für das gesamte Projekt bildete. Bereits in der Konzeptionsphase wurden Lernziele definiert, Inhalte zugeordnet und Taxonomien festgelegt. Auf dieser Grundlage entstanden detaillierte Lehrpläne und Stundenübersichten, die nicht nur die theoretischen Lernabschnitte strukturierten, sondern auch als Leitfaden für das Personal von Chick Peace dienten.
Parallel wurde ein digitales Lernsystem konzipiert, das Web Based Trainings, Videosequenzen und Workbooks auf dem Smartphone kombiniert. Das Lernkonzept folgt dem Prinzip des adaptiven Lernens: Es passt Inhalte an den individuellen Fortschritt an und verknüpft digitales Selbststudium mit Lernen am Arbeitsplatz. Ziel war, Lernen so in den Alltag zu integrieren, dass die Teilnehmerinnen jederzeit auf Inhalte zugreifen und ihren Fortschritt dokumentieren konnten.
Anschließend begann die Rekrutierung der Teilnehmerinnen. Hier arbeiteten die Projektpartner eng zusammen: Bewerberinnen wurden in Interviews sorgfältig ausgewählt, um sicherzustellen, dass Motivation, Grundkenntnisse und persönliche Lebenssituation zum Programm passten. Danach starteten die Ausbilder:innen, die fest bei Chick Peace angestellt sind, mit der praktischen Ausbildung vor Ort. Diese Phase war eng verzahnt mit digitalen Lernaufgaben, sodass Theorie und Praxis ineinandergriffen.
Darauf aufbauend sieht das Programm eine mehrwöchige Praktikumsphase in Betrieben der Gastronomie vor. Dort wenden die Frauen das Erlernte an, sammeln Berufserfahrung und erhalten Einblicke in reale Arbeitsprozesse. Während ihrer Praktika bleiben sie über digitale Lernmedien mit der Akademie verbunden, bearbeiten Aufgaben und reflektieren ihre Erfahrungen.
Nach der erfolgreichen Konzeptions- und Testphase steht das Projekt nun kurz vor dem Start in die Praxis. Mit dem anstehenden Rollout im Frühjahr 2026 beginnt für die Beteiligten eine neue Phase: Aus der Idee wird gelebte Qualifizierung und für viele Teilnehmerinnen der erste Schritt in eine nachhaltige berufliche Perspektive.
Projektergebnis

Schon während der Konzeptions- und Testphase wurde deutlich, dass das Projekt ein bislang fehlendes Bindeglied in der beruflichen Qualifizierung schafft und neue Wege der Integration eröffnet. Die Kombination aus praktischer Ausbildung, digitalem Lernen und individueller Begleitung eröffnet geflüchteten Frauen einen realistischen Weg in den Arbeitsmarkt und erschließt zugleich neues Personalpotenzial.
Die Erprobung der digitalen Lernarchitektur bestätigte das Grundprinzip: Lernen funktioniert, wenn es sich flexibel an den Alltag anpasst. Viele Teilnehmerinnen zeigten ein hohes Maß an Eigenmotivation, sobald sie über das Smartphone selbstständig auf Lerninhalte zugreifen konnten. Das digitale Tagebuch wurde dabei zu einem wichtigen Instrument: Es half, persönliche Fortschritte sichtbar zu machen und Selbstvertrauen aufzubauen. Mehrere von ihnen beschrieben das Lernen als ersten Moment, in dem sie ihre eigenen Fähigkeiten wiederentdeckten – und erkannten, dass berufliche Teilhabe für sie tatsächlich erreichbar ist. Lehrende berichteten, dass selbst Teilnehmerinnen mit anfänglich geringen Sprachkenntnissen durch regelmäßige Reflexion im Alltag zunehmend sicherer kommunizierten.
Auch für die Bildungspraxis der DGBB GmbH und der Deutschen Hotelakademie ergaben sich wertvolle Erkenntnisse. Die enge Verzahnung von Online- und Präsenzlernen, ergänzt durch kontinuierliches Feedback, führte zu einem spürbar höheren Lernerfolg. Für die beteiligten Bildungsträger bedeutet das Projekt zugleich einen Impuls, Lernangebote künftig stärker auf Selbstwirksamkeit, Feedback und adaptive Lernformen auszurichten. Diese Erkenntnisse können langfristig dazu beitragen, Weiterbildung noch individueller und praxisnäher zu gestalten. Besonders positiv fiel auf, dass die Lernenden nicht nur Wissen erwarben, sondern auch ein Gefühl beruflicher Zugehörigkeit entwickelten – ein Faktor, der für eine nachhaltige Integration entscheidend ist.
Fazit
Das Projekt wirkt weit über die Gastronomie hinaus. Durch seine Struktur und Skalierbarkeit legt es die Grundlage für langfristige Bildungs- und Integrationschancen, ein Modell, das Perspektiven eröffnet, wo zuvor Wege versperrt schienen.
Es verdeutlicht, dass erfolgreiche Qualifizierung nicht nur von Lerninhalten abhängt, sondern von der Fähigkeit, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Gerade für geflüchtete Frauen entsteht durch die Verbindung von praktischer Ausbildung, digitalem Lernen und persönlicher Begleitung ein Bildungsweg, der Mut macht und Selbstwirksamkeit stärkt. Viele der Frauen gewinnen dadurch nicht nur berufliche Perspektiven, sondern auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Mut, ihren Platz in der Gesellschaft aktiv zu gestalten.
Für die DGBB GmbH und die Deutsche Hotelakademie markiert das Projekt zugleich einen wichtigen Entwicklungsschritt in der Gestaltung zukunftsorientierter Bildungsangebote. Es zeigt, dass digitale Lernarchitekturen dann Wirkung entfalten, wenn sie soziale Teilhabe unterstützen und echte Anschlussfähigkeit schaffen. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen bereits in weitere Konzepte ein und bilden die Basis für eine nachhaltige Öffnung beruflicher Bildung. Damit leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag, Bildungssysteme inklusiver und zukunftsfähiger zu gestalten.
So wird aus einem Pilotprojekt ein Modell für gesellschaftliche Integration Es verbindet Qualifizierung, Digitalisierung und Chancengleichheit und zeigt, wie Bildung neue Wege öffnet, die weit über den Lernraum hinausführen. Für ihren Beitrag, geflüchteten Frauen durch Bildung neue Perspektiven und echte Teilhabe zu eröffnen, vergibt die Jury den eLearning AWARD 2026 in der Kategorie „Kompetenzentwicklung“ mit dem Schwerpunkt „Food-Service-Qualifizierung“. Herzlichen Glückwunsch!
Keytakeaways
Ausgangssituation:
- Deutlicher Fachkräftemangel in der Gastronomie, ungenutztes Potenzial geflüchteter Frauen.
- Sprachbarrieren, fehlende Anerkennung von Kompetenzen und geringe Bildungschancen behinderten Integration.
Projektziel:
- Zugang zu Qualifizierung erleichtern und vorhandene Fähigkeiten sichtbar machen.
- Praxisnahes Lernen fördern, das Sprache, Selbstvertrauen und Teilhabe stärkt.
Umsetzung:
- Entwicklung eines hybriden Lernmodells mit digitalem Training, Praxisphasen und individueller Begleitung.
- Enge Kooperation von DGBB GmbH, Deutscher Hotelakademie und „Chick Peace“.
Messung:
- Lernerfolge durch digitale Tagebücher, Feedback und Beobachtung dokumentiert.
- Steigende Motivation, Sprachsicherheit und Integration in Beschäftigung sichtbar.
Projektverantwortliche
DGBB GmbH
Sarah Gregor
Leitung Marketing
gregor@dgbb.de
Poller Kirchweg 99
51105 Köln
www.dgbb.de
Deutsche Hotelakademie
Merle Losem
Pädagogische Leitung
losem@dgbb.de
Poller Kirchweg 99
51105 Köln
www.dgbb.de




