Lernen zwischen Förderband und Schichtbetrieb
Hermes Fulfilment macht Weiterbildung zum festen Teil des Logistikalltags

Lange Schichten, Sprachvielfalt und oft wenig Erfahrung im Umgang mit digitalen Medien – die Rahmenbedingungen für Weiterbildung im Logistikumfeld sind herausfordernd. Gerade deshalb hat Hermes Fulfilment entschieden, neue Wege zu gehen: Mit einem Lernkonzept, das digitale Werkzeuge mit klar strukturierten Lernzeiten und persönlicher Begleitung verbindet, wird Weiterbildung für alle Mitarbeitenden zugänglich – unabhängig von Herkunft, Sprache oder Vorwissen. So entsteht ein Best-Practice-Modell, das nicht nur die interne Lernkultur stärkt, sondern auch Maßstäbe für Weiterbildung in der gesamten Logistikbranche setzt.

Hermes Fulfilment ist Teil der Otto Group und zählt zu den führenden Logistikdienstleistern im europäischen E-Commerce. Mit über 8.000 Mitarbeitenden steuert das Unternehmen zentrale Prozesse der Warenlogistik – die Lagerung sowie die Bearbeitung von Retouren. Gerade in diesem Umfeld treffen unterschiedliche Herausforderungen aufeinander: ein hoher Anteil gewerblicher Mitarbeitender, über 60 Nationen im Team und ein wachsender Qualifizierungsbedarf. Bisherige Ansätze stießen dabei an klare Grenzen – Weiterbildung ließ sich nur schwer in den Arbeitsalltag integrieren. Vor diesem Hintergrund entschloss sich Hermes Fulfilment, Weiterbildung neu zu denken. Die Lösung sollte nicht nur digitale Zugänge schaffen, sondern eine nachhaltige Lernkultur etablieren, die alle Mitarbeitenden erreicht – unabhängig von Sprache, Vorwissen oder technischer Erfahrung. Mit dem Aufbau einer umfassenden Lernplattform, festen Lernzeiten im Schichtplan und einem Begleitnetzwerk aus Lernlots:innen wurde ein Projekt gestartet, das gleichermaßen Fachkräftesicherung, Integration und operativen Erfolg adressiert.

Lernbedarfe

Digitale Lernplattform als Fundament: Ob Leitbild, Lean Management oder Sicherheit – die Lernplattform Masterplan macht Wissen für alle Mitarbeitenden zugänglich.

Die Weiterbildung bei Hermes Fulfilment stand lange vor strukturellen Hürden. Klassische Präsenztrainings ließen sich nur schwer in den Schichtbetrieb integrieren und führten zu hohen Abwesenheitszeiten, die den Betriebsablauf belasteten. Zudem erschwerte die heterogene Belegschaft mit über 60 Nationen und unterschiedliche Sprachkenntnisse sowie Vorerfahrungen den Wissenstransfer. Vorhandene digitale Angebote waren zu allgemein und kaum auf die sprachliche Vielfalt zugeschnitten, zudem fehlte vielen die Erfahrung mit PCs oder Lernplattformen.

Aus diesen Herausforderungen ergab sich ein klarer Bedarf an verbindlichen Strukturen: Ohne fest eingeplante Lernzeiten im Schichtplan blieb Weiterbildung häufig freiwillig und damit nachrangig. Dadurch fehlte es an Vergleichbarkeit und Verbindlichkeit – mit der Folge, dass der individuelle Lernerfolg eingeschränkt blieb und eine durchgängige Qualitätssicherung im Betrieb kaum möglich war. Die Herausforderung ging jedoch über Strukturen hinaus: Es galt, Weiterbildung für alle Beschäftigten zugänglich zu machen und die Vielfalt der Belegschaft gezielt einzubeziehen.

Das neue Lernangebot richtete sich daher ausdrücklich an alle Beschäftigten – von gewerblichen Mitarbeitenden im Schichtsystem über Beschäftigte in der Verwaltung bis hin zu Führungskräften. Im Fokus stand jedoch die große Zahl gewerblicher Mitarbeitender, die bisher schwer zu erreichen war und für die Weiterbildung zu einem festen Bestandteil der Arbeit werden sollte.

Ziel war eine Lernarchitektur, die Weiterbildung standardisiert, Sprachbarrieren überwindet und zugleich die langfristige Fachkräftesicherung unterstützt. Konkret sollte dies durch eine digitale Lernplattform, feste Lernzeiten im Schichtplan und ein begleitendes Lots:innen-Netzwerk erreicht werden – Maßnahmen, die den Grundstein für eine nachhaltige Lernkultur legten.

Projektverlauf

Die Umsetzung der Lerninitiative erfolgte in mehreren, eng miteinander verzahnten Phasen und unter Einbindung eines breit aufgestellten Projektteams, das unterschiedliche Perspektiven zusammenbrachte. Den Auftakt bildete eine umfassende Bedarfsanalyse, in der die spezifischen Herausforderungen der Belegschaft erhoben wurden. Aus den Ergebnissen entstand die Grundlage für ein Lernmodell, das konsequent an den Bedürfnissen der Logistik-Belegschaft ausgerichtet ist.

Da die Otto Group bereits 2020 die konzernweite Lernplattform Masterplan eingeführt hatte, konnte Hermes Fulfilment auf ein etabliertes technisches Fundament zurückgreifen. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, passgenaue Inhalte und Strukturen für die eigenen Zielgruppen zu entwickeln. Auf Basis der Analyse wurden deshalb praxisnahe Videokurse und mehrsprachige Lernmodule konzipiert, die komplexe Inhalte anschaulich aufbereiten und eine niedrige Einstiegshürde bieten. Ergänzend wurden strukturierte Lernpfade geschaffen – bestehend aus Grundkursen, Folgekursen und modularen Bausteinen –, die den Kompetenzaufbau Schritt für Schritt begleiten und den Lernerfolg messbar machen. In allen Abteilungen wurden sogenannte Lernlots:innen benannt, die ihre Kollege:innen bei der Nutzung der Plattform unterstützen, Lernfragen beantworten und als erste Ansprechpersonen im Alltag dienen.

Im nächsten Schritt begann die Pilotphase an ausgewählten Standorten. In mehreren Wellen wurden Formate, Technik und Inhalte erprobt und iterativ optimiert. Feedbackrunden mit Lernenden und den neu benannten Lernlots:innen halfen, Inhalte und Funktionen zu verbessern. Diese Phase diente zugleich dazu, Akzeptanz aufzubauen und technische Hürden frühzeitig zu identifizieren.

Nach Abschluss dieser Pilotierung folgte der flächendeckende Rollout in allen Bereichen. Dabei wurden die in den Wellen gewonnenen Erkenntnisse systematisch genutzt, um Inhalte, Sprachen und Abläufe weiter zu verfeinern. Begleitet wurde diese durch ein zentrales Reporting-System, das den Projektverantwortlichen Transparenz über Teilnahmequoten, Lernerfolge und Weiterentwicklungsbedarfe lieferte.

Um die Akzeptanz im Unternehmen zu fördern, wurde ein begleitendes Kommunikations- und Marketingkonzept umgesetzt. Plakate, Poster, digitale Newsletter, begleitende Werbeaktionen, Berichterstattung in den internen Medien und Infoveranstaltungen sorgten dafür, dass das Projekt sichtbar wurde. Zusätzlich wurde die Plattform an den Standorten über große Bildschirme zugänglich gemacht, sodass Lerninhalte auch gemeinsam genutzt werden konnten.

Projektergebnis

Rollout mit Signalwirkung: Mit Plakaten, Intranetartikeln und Lernzeit-Challenges wurde das Projekt direkt an den Standorten erlebbar gemacht.

Die Nutzung der bereits konzernweit eingeführten Lernplattform Masterplan konnte bei Hermes Fulfilment durch gezielte Maßnahmen schnell Wirkung entfalten. Alle Mitarbeitenden erhielten Zugang zu einer einheitlichen, eine Lernumgebung mit insgesamt 16 verschiedenen Sprachen, die unabhängig von Vorwissen genutzt werden kann.

Statt Weiterbildung nebenbei oder freiwillig zu platzieren, stehen nun fünf Stunden pro Jahr verbindlich zur Verfügung. Das führte zu einer deutlich höheren Teilnahmequote und zu spürbar mehr Lernzeit pro Person. Seit dem Start verzeichnet Hermes Fulfilment eine klar steigende Tendenz in der Lernzeit pro gewerblichem Mitarbeitenden. In den Monaten Mai bis Juli verdreifachte sich die Zahl der absolvierten Lernminuten, was zeigt, dass das Modell in der Praxis angenommen wird.

Auch die Abschlussquoten sprechen für den Erfolg:  Im „Grundkurs der Logistik“ und in weiteren Basismodulen erreichten die Teilnehmenden Werte von bis zu 99 Prozent. Damit wurden nicht nur die Lernziele konsequent erreicht, sondern auch ein messbarer Beitrag zu Sicherheit und Effizienz im Arbeitsalltag geleistet. Zusätzlich erwiesen sich eingeführte Gamification-Elemente – wie monatliche Lern-Challenges und Standort-Rankings – als wirkungsvolle Motivationstreiber, die den Wettbewerbsgedanken positiv nutzten und die Teilnahmebereitschaft spürbar erhöhten.

Nicht zuletzt gewann Hermes Fulfilment mit der Einführung der Plattform auch an strategischer Flexibilität. Inhalte lassen sich zentral ausrollen, aktuell halten und bedarfsgerecht erweitern. Ein Beispiel dafür ist der eigens entwickelte Video-Lernpfad mit den HF-spezifischen Schwerpunkten „Interkulturelle Vielfalt“, „Lean Management“ und „Unternehmensleitbild WE“, der den Anwendungsbereich der Plattform bereits deutlich erweitert hat. Damit ist das Unternehmen in der Lage, auch zukünftige Qualifizierungsbedarfe schnell und international skalierbar abzudecken – ein entscheidender Vorteil in einem dynamischen Marktumfeld.

Fazit

Hermes Fulfilment hat mit der Einführung der digitalen Lernplattform gezeigt, wie Weiterbildung auch unter den besonderen Bedingungen der Logistik – Schichtsystem, Sprachvielfalt und geringe digitale Vorerfahrung – erfolgreich neu gedacht werden kann. Was zuvor durch strukturelle Hürden erschwert war, ist heute ein planbarer und verbindlicher Bestandteil des Arbeitsalltags. Weiterbildung ist mehrsprachig, niedrigschwellig und für alle Mitarbeitenden zugänglich – unabhängig von Herkunft, Vorwissen oder Einsatzbereich. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war die Kombination aus technischer Infrastruktur und kultureller Begleitung. Lernlots:innen, fest verankerte Lernzeiten und ein durchdachtes Kommunikationskonzept machten aus einer technischen Lösung einen Kulturwandel. Lernen wurde selbstverständlich, messbar und direkt in den Betriebsalltag integriert.

Die Ergebnisse sprechen für sich: deutlich gestiegene Lernminuten, Abschlussquoten von bis zu 99 Prozent und eine spürbar gewachsene Akzeptanz für digitale Lernformen. Gleichzeitig eröffnen sich strategische Perspektiven: Mit einem zentralen Reporting-System, einer skalierbaren Plattformarchitektur und international einsetzbaren Inhalten ist Hermes Fulfilment in der Lage, Qualifizierungsbedarfe auch künftig flexibel und global zu adressieren.

Darüber hinaus entfaltet das Projekt Signalwirkung weit über das Unternehmen hinaus. Es zeigt, wie Logistikunternehmen durch innovative Konzepte Fachkräftesicherung, Integration und Effizienz miteinander verbinden können – und setzt damit einen Benchmark für digitale Weiterbildung in der gesamten Branche. Für diese Leistung vergibt die Jury den eLearning AWARD 2026 in der Kategorie „Lernplattform“ mit dem Schwerpunkt „Logistik“. Herzlichen Glückwunsch!


Keytakeaways

Ausgangssituation:

  • Präsenztrainings verursachten hohe Abwesenheitszeiten, digitale Angebote waren zu allgemein und kaum mehrsprachig.
  • Besonders gewerbliche Mitarbeitende im Schichtbetrieb waren schwer zu erreichen.

Projektziel:

  • Weiterbildung fest im Arbeitsalltag verankern und Sprach- sowie Zugangshürden abbauen.
  • Beitrag zu Fachkräftesicherung, Integration und operativer Exzellenz im Rahmen der Vision 2028.

Umsetzung:

  • Einführung der Plattform Masterplan mit 16 Sprachen, Videokursen und Gamification.
  • Lernlots:innen als Begleitung, gestaffelter Rollout mit Kommunikationsmaßnahmen.

Messung:

  • Zentrales Reporting mit monatlichen Berichten zu Lernzeiten und Abschlussquoten.
  • Ziel: 20–25 Minuten Lernzeit pro Monat; bereits Abschlussquoten bis zu 99 % erreicht.

Projektverantwortliche

Hermes Fulfilment GmbH
Maximilian Heinemann
Teamleiter Personal- und Organisationsentwicklung
maximilian.heinemann@hermes-ws.com
Bannwarthstr. 5
22179 Hamburg
www.hermes-fulfilment.de