KI kann viel – aber kann sie Schule?
Warum Lernen neu gedacht werden muss, wenn Maschinen mitlernen

Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Alltags junger Menschen, in Suchmaschinen, Apps oder sozialen Medien. Doch wie lässt sich wirklich verstehen, was hinter den Technologien steckt? In vielen Schulen fehlt es an Zeit, Material und Expertise, um KI fundiert zu vermitteln. Am Tübingen AI Center wurde ein Online-Kurs entwickelt, der genau hier ansetzt: Er öffnet den Zugang zu KI, macht komplexe Themen greifbar und vermittelt zugleich grundlegende Coding-Fertigkeiten als handwerkliche Basis für KI-Verständnis. Er verbindet Technik, Ethik und gesellschaftliche Fragen zu einem Lernraum, der zeigt, wie Lernen Zukunft gestalten kann – praxisnah, zugänglich und offen für alle.

Künstliche Intelligenz gehört heute zu den prägenden Technologien unserer Zeit. Ob beim automatischen Übersetzen, in der Bilderkennung oder in Chatprogrammen: KI-Systeme bestimmen längst, wie wir arbeiten, lernen und kommunizieren. Junge Menschen begegnen ihnen täglich, etwa in Suchmaschinen, Musik-Apps oder sozialen Netzwerken. Doch während Wirtschaft und Forschung über Chancen und Risiken diskutieren, bleibt der Bildungsbereich häufig zurück. Schulen und Ausbildungseinrichtungen stehen vor der Herausforderung, junge Menschen auf eine Zukunft vorzubereiten, in der KI selbstverständlich zum Alltag gehört.

Gleichzeitig steigt der Bedarf, die Funktionsweise und Wirkung solcher Systeme zu verstehen. Wer Künstliche Intelligenz nur nutzt, bleibt abhängig von Technologien, die zunehmend Entscheidungen prägen. Lehrkräfte wünschen sich Orientierung, Lernende suchen nach verständlichen Zugängen, doch vielerorts fehlt es an Zeit, Materialien und Fachwissen.

Vor diesem Hintergrund hat sich am Tübingen AI Center eine Initiative formiert, die das Thema KI dorthin bringen will, wo es bislang kaum stattfindet: in die Bildungslandschaft. Ihr Ziel war es, ein Format zu schaffen, das komplexe Technologien greifbar macht und jungen Menschen zeigt, dass KI nicht nur ein Werkzeug ist, sondern auch ein Spiegel gesellschaftlicher Verantwortung.

Lernbedarfe

Der Start in die Welt der Künstlichen Intelligenz: Im Online-KI-Kurs lernen Jugendliche, wie KI funktioniert, wo ihre Wurzeln liegen und wie sie im Alltag eingesetzt wird.

Kaum ein anderes Thema zeigt so deutlich, wie groß die Lücke zwischen technologischem Fortschritt und schulischer Bildung geworden ist, wie die Künstliche Intelligenz. Während KI-Systeme unseren Alltag prägen, fehlt es vielerorts an Möglichkeiten, jungen Menschen die Grundlagen verständlich zu vermitteln. Sie begegnen KI täglich: in Suchmaschinen, Sprachassistenten, sozialen Netzwerken oder in generativen Tools wie ChatGPT. Anwendungen, die prägen, wie junge Menschen lernen und denken.

Viele Lehrkräfte möchten diese Entwicklung aufgreifen, stoßen im Unterricht jedoch auf strukturelle Hürden – etwa fehlende Materialien oder technische Voraussetzungen. Damit bleibt ein zentrales Bildungsziel unerreicht: digitale Mündigkeit. Gerade für Jugendliche ist ein grundlegendes Verständnis von KI entscheidend, um die Mechanismen der digitalen Welt zu begreifen und sie aktiv mitzugestalten.

Doch im Schulalltag treffen Neugier und Motivation oft auf Zeitmangel und Unsicherheit. Lehrkräfte wünschen sich Materialien, die sich unmittelbar einsetzen lassen, ohne auf spezialisierte Fachkräfte angewiesen zu sein. Gleichzeitig zeigt sich, dass nicht nur technisches Wissen gefragt ist. Die Fähigkeit, KI kritisch zu reflektieren, ethische Fragen zu erkennen und gesellschaftliche Auswirkungen einzuordnen, wird immer wichtiger.

Damit wächst der Bedarf nach Lernkonzepten, die Technikverständnis, Reflexion und Wertebildung miteinander verbinden. Vor allem Jugendliche in der Sekundarstufe I und II, aber auch Auszubildende und interessierte Erwachsene benötigen Lernangebote, die niedrigschwellig, praxisnah und zugleich anspruchsvoll sind. Sie wollen nicht nur wissen, wie KI funktioniert, sondern auch, welche Rolle sie in ihrem Alltag spielt, und welche Verantwortung damit verbunden ist.

Projektverlauf

Aus dem erkannten Bedarf heraus begann am Tübingen AI Center ein engagiertes Team um Dr. Caroline Schmidt, die Projektleitung des Bundeswettbewerbs Künstliche Intelligenz, ein digitales Lernangebot zu entwickeln, das Theorie, Praxis und Reflexion verbindet. Der Ausgangspunkt war ein kleines Lerntutorial, das ursprünglich für den Wettbewerb konzipiert worden war. Daraus entstand die Idee, das Format zu erweitern und als eigenständigen Online-Kurs zugänglich zu machen – offen für Schulen, Bildungseinrichtungen und alle Interessierten.

Von Anfang an stand fest, dass der Kurs nicht nur Lernende, sondern auch Lehrkräfte unterstützen sollte: als Werkzeug für den Unterricht und zugleich als Einstiegshilfe für alle, die Künstliche Intelligenz besser verstehen möchten. Fachleute aus Informatik, Didaktik, Ethik und Wissenschaftskommunikation entwickelten Inhalte, die technisches Wissen mit gesellschaftlichen Perspektiven verbinden. Während Informatiker:innen die Module zu Python und maschinellem Lernen entwickelten, bereiteten Bildungswissenschaftler:innen die Inhalte didaktisch auf – ergänzt durch Expertise des Deutschen Ethikrats.

Die Umsetzung folgte einem klaren Meilensteinplan. Zunächst wurden die Lerneinheiten zu Programmierung und Grundlagen der KI erweitert, anschließend kamen Module zur Geschichte der Künstlichen Intelligenz, zu Pionierinnen der Informatik sowie zu ethischen und rechtlichen Aspekten wie dem EU AI Act hinzu. Parallel dazu entstand die technische Infrastruktur: eine Lernplattform, auf der alle Inhalte gebündelt sind und direkt genutzt werden können, ohne zusätzliche Softwareinstallation.

In Pilotphasen testeten Lehrkräfte und Lernende neue Funktionen und gaben wertvolles Feedback, das kontinuierlich in die Weiterentwicklung einfloss. So wuchs Schritt für Schritt ein modularer Kurs, der flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse reagiert. Interaktive Elemente wie Quizfragen, ein Memo-Spiel zu historischen Meilensteinen oder praxisnahe Tutorials, etwa zur Müllsortierung mit neuronalen Netzen, machten abstrakte Inhalte greifbar und erfahrbar.

Ein besonderes Augenmerk lag auf Inklusion und sprachlicher Zugänglichkeit. Die Inhalte sollten verständlich und geschlechtergerecht formuliert sein, um möglichst viele Lernende anzusprechen. Auch das Design wurde modern und visuell ansprechend umgesetzt, um Motivation und Lernfreude zu fördern.

Mit dem Ausbau der Plattform kamen neue Funktionen hinzu: Ein virtuelles Klassenzimmer ermöglicht Lehrkräften, Lernfortschritte zu begleiten und auszuwerten. Eine KI-Challenge motiviert Lernende, eigene Projekte umzusetzen und ihre Ergebnisse zu vergleichen. Schulen wiederum können sich im Rahmen des Bundeswettbewerbs als „KI-Schule des Jahres“ bewerben – ein Format, das Austausch und Engagement zusätzlich stärkt.

Projektergebnis

Geschichte trifft Zukunft: Lernen von den Wegbereitern der Digitalisierung: Lernende entdecken, wie frühe Innovatoren die Basis für moderne Technologien gelegt haben.

Heute zählt der Online-KI-Kurs des Tübingen AI Centers zu den meistgenutzten deutschsprachigen Lernangeboten im Bereich Künstliche Intelligenz. Seit dem Start haben sich über 23.000 Nutzer:innen registriert, darunter mehr als 190 Schulen, die den Kurs aktiv in ihren Unterricht eingebunden haben. Allein im Jahr 2025 kamen über 7.000 neue Teilnehmende hinzu. Besonders geschätzt werden die klare Struktur, die Praxisnähe und die niedrigschwellige Zugänglichkeit des Kurses: Eigenschaften, die ihn sowohl für den Schulunterricht als auch für das Selbststudium attraktiv machen.

Lehrkräfte profitieren von sofort einsetzbaren Materialien und dem virtuellen Klassenzimmer, das Lernfortschritte sichtbar macht. Für Lernende wiederum steht die unmittelbare Anwendung im Vordergrund: Sie können eigene Projekte entwickeln, mit neuronalen Netzen experimentieren und ihr Wissen in der KI-Challenge praktisch unter Beweis stellen. Die Möglichkeit, ein persönliches Zertifikat über den Lernfortschritt zu erstellen, steigert zusätzlich Motivation und Sichtbarkeit – besonders im Hinblick auf Ausbildung und Studium.

Bemerkenswert ist auch die thematische Breite des Kurses, die weit über reine Technik hinausgeht. Er vermittelt nicht nur Programmierkenntnisse, sondern regt zum Nachdenken über ethische Fragen, gesellschaftliche Verantwortung und Regulierung an. Module wie „Ethisch fragwürdig“ oder „Der EU AI Act“ eröffnen Lernenden neue Perspektiven auf die Wechselwirkungen zwischen Technologie, Recht und Gesellschaft. Zudem fördert der Kurs Diversität in der Tech-Bildung – etwa durch die Sichtbarkeit weiblicher Pionierinnen und die bewusste Nutzung geschlechtergerechter Sprache. Dadurch verändert er nicht nur, was gelernt wird, sondern auch, wie Lernen verstanden wird: als aktiver, selbstbestimmter und reflektierter Prozess.

Die Rückmeldungen aus der Praxis fallen durchweg positiv aus. Lehrkräfte loben die didaktische Aufbereitung und die Verständlichkeit der Materialien, während Lernende den spielerischen Zugang und die Möglichkeit zum eigenständigen Arbeiten hervorheben. Viele Schulen nutzen den Kurs inzwischen fest im Unterricht oder in eigenen AGs. Das wachsende Netzwerk engagierter Lehrkräfte, Lernender und Bildungseinrichtungen trägt dazu bei, dass sich das Projekt stetig weiterentwickelt und neue Impulse in die Bildungslandschaft sendet.

Fazit

Das Projekt des Tübingen AI Centers zeigt, wie wirkungsvoll Künstliche Intelligenz in der Bildung eingesetzt werden kann, wenn technisches Know-how und didaktische Verantwortung zusammenwirken. Der Online-Kurs hat nicht nur eine Lücke geschlossen, sondern eine neue Lernkultur geschaffen – offen, verständlich und partizipativ. Er macht sichtbar, dass KI kein abstraktes Forschungsthema ist, sondern Teil einer gesellschaftlichen Realität, die Schulen und Lernende aktiv mitgestalten können.

Seine Stärke liegt in der Verbindung von wissenschaftlicher Tiefe und praktischer Zugänglichkeit. Lehrkräfte erhalten Werkzeuge, die sie unmittelbar einsetzen können, während Lernende eigenständig und kreativ mit KI experimentieren. Gleichzeitig schafft der Kurs Räume für Reflexion, in denen über Chancen, Risiken und ethische Fragen gesprochen wird. Dieses Zusammenspiel aus Technik, Bildung und Haltung macht das Projekt nachhaltig und übertragbar.

Damit leistet das Tübingen AI Center einen wichtigen Beitrag, Künstliche Intelligenz als festen Bestandteil zeitgemäßer Bildung zu verankern – praxisnah, reflektiert und zukunftsorientiert. Er zeigt, dass echte Innovation dort entsteht, wo Wissen geteilt, Verantwortung übernommen und Lernen als gemeinsamer Prozess verstanden wird.

Mit seinem offenen Lernkonzept und seiner didaktischen Klarheit demonstriert das Tübingen AI Center, wie Künstliche Intelligenz in der Breite verstanden und verantwortungsvoll vermittelt werden kann, und erhält dafür von der Jury den eLearning AWARD 2026 in der Kategorie „Künstliche Intelligenz“ mit Schwerpunkt „Grundlagentraining“. Herzlichen Glückwunsch!


Keytakeaways

Ausgangssituation:

  • KI präsent, aber Einstieg unscharf: Insellösungen, fehlende Anknüpfungspunkte, Zeitmangel und Governance-Grauzonen

Projektziel:

  • KI-Kompetenz aufbauen; Nutzen sichtbar machen.
  • Skalierbares Lernsystem mit klaren Leitplanken, Einheiten und Zertifikaten.

Umsetzung:

  • Vom Tutorial zu KI Kurs erweitert.
  • Pilotiert, Sprache vereinfacht, Aufgabenführung geschärft; kontinuierliche Updates, Schulansprache & Lehrerfortbildungen.

Messung:

  • Quiz & Programmieraufgaben mit Direktfeedback; Zertifikate und Fortschritts-Tracking im virtuellen Klassenzimmer.
  • Akzeptanz- & Reichweitenindikatoren, Feedback zur Transferwirksamkeit.

Projektverantwortliche

Tübinger AI Center
Dr. Caroline Schmidt
Projektleitung, Bundeswettbewerb Künstliche Intelligenz
caroline.schmidt@uni-tuebingen.de
Maria-von-Linden-Straße 1
72076 Tübingen
www.bw-ki.de