Selbst gestalten statt nur konsumieren
Wenn Beschäftigte zu Gestaltenden des Lernens werden
Lernen verändert sich rasant, digital und selbstbestimmt. Wo Wissen früher in festen Strukturen vermittelt wurde, entstehen heute Räume für Austausch, Kreativität und gemeinsames Gestalten. Auch im L&D-Bereich der Bundesagentur für Arbeit wächst der Anspruch, Weiterbildung flexibler, Arbeitsplatznäher, digitaler und offener zu denken. Mit dem Projekt „Plug&Rec“ hat die Behörde darauf eine klare Antwort gefunden: eine Lösung, die Learning Professionals ermöglicht, digitale Lerninhalte eigenständig zu produzieren und Wissen unmittelbar zu teilen. So entsteht ein Lernraum, in dem Technologie und Didaktik zusammenfinden. Lernen wird zu einem Prozess, der Menschen verbindet und Zukunft greifbar macht.
Kaum ein Bereich verändert sich derzeit so stark wie das Lernen in Organisationen. Weiterbildung ist längst zu einem Schlüsselfaktor für Zukunftsfähigkeit geworden, sowohl in Unternehmen als auch in öffentlichen Institutionen. In einer Arbeitswelt, die sich stetig wandelt, müssen Lernprozesse Schritt halten mit neuen Anforderungen, Technologien und Kommunikationsformen.
Digitalisierung, Fachkräftemangel und demografischer Wandel verlangen, Wissen schneller zu vermitteln, Kompetenzen gezielter aufzubauen und Lernangebote flexibler zu gestalten. Moderne Technologien, von Lernplattformen bis hin zu Video- und Streamingformaten, eröffnen dabei Chancen, verändern aber zugleich die Art, wie Lernen gedacht und umgesetzt wird.
Was für Einzelne gilt, gilt in besonderem Maße für große Organisationen wie die Bundesagentur für Arbeit. Mit Tausenden von Mitarbeitenden an unterschiedlichen Standorten, vielfältigen Aufgabenfeldern und einem breiten Qualifizierungsspektrum steht sie vor der Herausforderung, Weiterbildung effizient und zugleich menschlich zu gestalten. Klassische Präsenzformate stoßen hier schnell an ihre Grenzen, sowohl organisatorisch als auch didaktisch. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Lernangeboten, die praxisnah, zugänglich und eng mit dem Arbeitsalltag verbunden sind.
Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage, wie modernes Lernen in einer komplexen Struktur gestaltet werden kann, ohne zusätzliche Hürden zu schaffen und wie sich eine Lernkultur etablieren lässt, die digitale Möglichkeiten nutzt, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren.
Lernbedarfe

Der Wandel der Arbeitswelt prägt zunehmend auch die Lernbedarfe der Bundesagentur für Arbeit. Als einer der größten öffentlichen Arbeitgeber Europas steht sie vor der Aufgabe, ihre Mitarbeitenden in einer zunehmend digitalen Arbeitsumgebung handlungsfähig zu halten und ihnen zugleich neue Wege des Lernens zu eröffnen. Viele Beschäftigte arbeiten dezentral, häufig in hybriden Teams und mit einem hohen Anteil an digitaler Kommunikation. Spätestens seit der Pandemie wurde deutlich, dass klassische Präsenzformate, die auf lineare Wissensvermittlung und standardisierte Abläufe setzen, den Anforderungen einer modernen Arbeitswelt nicht mehr genügen.
Gleichzeitig haben sich die Erwartungen an Weiterbildung grundlegend verändert. Lernangebote sollen praxisnah, ortsunabhängig und direkt nutzbar sein, und dabei unterschiedliche Vorkenntnisse und Lernstile berücksichtigen. Für Trainer:innen und Learning Professionals bedeutet das, Lernprozesse didaktisch neu zu denken und stärker auf digitale Medien zu setzen. Doch genau hier zeigte sich eine Lücke: Viele verfügten über große fachliche Erfahrung, fühlten sich jedoch unsicher im Umgang mit Video, Streaming und digitaler Produktion.
Damit wurde klar: Weiterbildung musste nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch und kulturell neu ausgerichtet werden. Ziel war es, Mitarbeitende im Bereich L&D zu befähigen, Lerninhalte eigenständig, authentisch und adressatengerecht zu gestalten – unabhängig von Standort oder technischer Vorerfahrung. Zugleich sollte eine Lernumgebung entstehen, die Selbstwirksamkeit stärkt, Zusammenarbeit erleichtert und eine neue Lernkultur entstehen lässt, die bleibt. Dieses Ziel bildete die Grundlage für ein Projekt, das neue Maßstäbe in der digitalen Weiterbildung setzen sollte.
Projektverlauf
Ausgehend von den veränderten Lernbedarfen initiierte der interne, digitale Qualifizierungsbereich ein Vorhaben, das neue Maßstäbe für digitale Weiterbildung setzen sollte. Angestoßen wurde es durch den Bereich LX CREATION, der den Anspruch verfolgte, Lernformate künftig stärker aus der Organisation heraus zu gestalten. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie moderne Lerninhalte entstehen können, die technisch einfach umzusetzen sind und zugleich didaktisch überzeugen. Dafür formierte sich ein interdisziplinäres Team aus Medienproduktion, Didaktik und IT mit einem gemeinsamen Ziel: Lernen digital neu zu denken und Mitarbeitenden den Zugang zu professionellen Lernmedien zu erleichtern.
Der Auftakt bestand in einer umfassenden Analysephase. In Workshops, Interviews und Praxisbeobachtungen untersuchte das Team, welche Formate bereits genutzt wurden, wo technische Barrieren bestanden und welche Wünsche Trainer:innen, Learning Professionals und vor allem Lernende/Konsumenten äußerten. Rasch wurde deutlich: Der Wille zur Gestaltung war groß, doch viele fühlten sich durch komplexe Technik und unklare Prozesse gebremst. Diese Erkenntnisse bildeten den Ausgangspunkt für die nächste Etappe: die Entwicklung eines Konzepts, das Einfachheit, Qualität und Effizienz miteinander verbindet.
Darauf folgte die praktische Erprobung. Statt sofort eine umfassende Infrastruktur zu schaffen, setzte das Team auf Pilotprojekte, in denen verschiedene Szenarien und Zielgruppen getestet wurden – vom Lernvideo über den Livestream bis zu hybriden Formaten. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden flossen unmittelbar in die Weiterentwicklung ein. Dieses iterative Vorgehen ließ Technik und Didaktik gemeinsam wachsen und schuf Vertrauen in den Prozess.
Mit jeder Phase festigte sich das Zusammenspiel der Disziplinen. Während mit der IT die technische Architektur optimiert wurde, standardisierte das Projektteam Abläufe, um die Nutzung so intuitiv wie möglich zu gestalten. Dadurch entstand ein agiler Entwicklungsprozess, der Technik, Didaktik und Nutzer:innen eng miteinander verzahnte.
Projektergebnis

Mit dem Projekt entstand eine Lernumgebung, die in erster Linie Learning Professionals aber auch Beschäftigten der Bundesagentur für Arbeit ermöglicht, Lerninhalte selbstständig, effizient und in hoher Qualität zu gestalten. Herzstück ist das Plug&Rec-Studio: eine vorkonfigurierte Produktionsumgebung, in der Lernprodukt-Entwickelnde ohne technisches Vorwissen Videos und Streamingformate aufnehmen können. Über ein intuitives Bedienkonzept und klar strukturierte Abläufe können Lernsequenzen innerhalb weniger Minuten entstehen. Damit wurde erstmals eine Möglichkeit geschaffen, professionelle Lernmedien vollständig intern zu produzieren – flexibel, kosteneffizient und unabhängig von externen Dienstleistern.
Mit der Einführung können Wissensträger aus verschiedenen Fachbereichen der BA das Angebot nutzen, um eigene Trainings, Tutorials oder Impulsvideos zu entwickeln. Bereits in der Pliotphase entstanden zahlreiche Produktionen die über internen Wissensplattformen gepublished werden. Viele Pilotnutzer:innen aus unterschiedlichen Fachbereichen/Zielgruppen haben das Plug&Rec-Studio inzwischen genutzt, Tendenz steigend. Nutzer:innen berichten von wachsendem Selbstvertrauen vor der Kamera, von Freude an der kreativen Gestaltung und von einem neuen Bewusstsein für die Wirkung von digitalen Medien.
Die intensive Zusammenarbeit förderte nicht nur die Medienkompetenz, sondern auch ein gemeinsames Verständnis von Lerninnovation und agiles Arbeiten. Viele Beteiligte beschrieben die Projektphase als Lernprozess im besten Sinne – offen, experimentell und von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Zugleich profitieren die Lernenden deutlich. Die neu produzierten Inhalte sind arbeitsplatznäher, stärker auf reale Arbeitssituationen zugeschnitten und vor allem authentischer. Sie werden nicht mehr „von außen“ vermittelt, sondern direkt aus dem Arbeitskontext heraus entwickelt, von Kolleg:innen für Kolleg:innen. Das fördert Identifikation, Motivation und eine spürbar höhere Relevanz des Lernens im Alltag.
Darüber hinaus hat das Projekt auf organisatorischer Ebene neue Strukturen hervorgebracht. Die enge Zusammenarbeit zwischen IT, Didaktik und Projektteam führte zu einheitlichen Produktionsstandards und klaren Verantwortlichkeiten. Erfahrungswissen wird über interne Netzwerke geteilt, wodurch eine wachsende Community of Practice entstanden ist. Das Plug&Rec-Prinzip ist von Beginn an skalierbar angelegt; weitere Studios sind bereits in Planung und Umsetzung.
Fazit
Das Projekt Plug&Rec zeigt eindrucksvoll, wie digitaler Wandel in der Weiterbildung gelingen kann, wenn Technologie, Didaktik und Organisation zusammenwirken. Aus einer Idee ist ein Katalysator für kulturellen Wandel entstanden: Lernen wird heute nicht mehr als starres Format verstanden, sondern als gemeinsames Gestalten und Teilen von Wissen. Mitarbeitende übernehmen Verantwortung für ihre Lerninhalte, Learning Professionals werden zu kreativen Produzent:innen – digitale Medien gehören längst zur täglichen Praxis.
Diese Entwicklung wirkt weit über das Projekt hinaus. Plug&Rec befähigt Menschen, selbstständig und dauerhaft hochwertige Lernmedien zu gestalten – eine Erweiterung der Medienkompetenz, welche die Organisation nachhaltig verändert. Die entstehende Community of Practice teilt Wissen und Erfahrungen fortlaufend. So wächst eine Lernkultur, die offen, transparent und zukunftsorientiert ist.
Damit setzt die Bundesagentur für Arbeit ein Zeichen, dass innovative Lernkultur auch in großen öffentlichen Organisationen erfolgreich verankert werden kann. Ein Ansatz, der Lernen nachhaltig verändert und zeigt, dass Organisationsentwicklung dort beginnt, wo Wissen geteilt wird.
Das Projekt gilt bereits heute als Impulsgeber innerhalb der Behörde. So entsteht Schritt für Schritt ein ganzheitliches Lernökosystem, das digitale Weiterbildung dauerhaft in der Organisation verankert und den kulturellen Wandel nachhaltig stärkt. Die Bundesagentur für Arbeit verbindet IT, Didaktik und Lernkultur auf vorbildliche Weise und erhält deshalb von der Jury den eLearning AWARD 2026 in der Kategorie „Kompetenzentwicklung“ mit dem Schwerpunkt „Lernkultur“. Herzlichen Glückwunsch!
Keytakeaways
Ausgangssituation:
- Aktuelles Lernversprechen des L&D-Bereichs der BA mit „digitaler, persönlicher und Arbeitsplatznäher“ in Anlehnung an die Qualifizierungsstrategie der BA mit „Digital First!“.
Projektziel:
- Mitarbeitende (im L&D Bereich) zu eigenständiger Medienproduktion befähigen.
- Eine moderne Lernkultur etablieren, die Eigeninitiative, Kreativität und Kollaboration stärkt.
Umsetzung:
- Aufbau des Plug&Rec-Studios als intuitive, qualitative und effiziente Produktionslösung.
- Agile Entwicklung mit interdisziplinären Teams und Pilotphasen.
Messung:
- Steigerung der Eigenproduktionen.
- Erkennbarer Kulturwandel: mehr Selbstvertrauen, Gestaltungsfreude und Identifikation mit Lerninhalten.
Projektverantwortliche

Bundesagentur für Arbeit
Johannes Kirschner
Spezialist für digitale Lehr- und Lernformen
johannes.kirschner@arbeitsagentur.de
Nordostpark 14
90411 Nürnberg
www.arbeitsagentur.de
Jeremias König
Spezialist für Video-Post-Produktion
Nordostpark 14
90411 Nürnberg
www.arbeitsagentur.de
Maik Klein
Spezialist für Video-Livestreaming
Nordostpark 14
90411 Nürnberg
www.arbeitsagentur.de




