Wenn Aufmerksamkeit den Unterschied macht
Wie digitales Lernen Fachkräften hilft, leise Zeichen zu verstehen

Wenn Kinder stiller werden, sich zurückziehen oder plötzlich anders wirken, steckt dahinter manchmal mehr, als es den Anschein hat. Verhaltenssüchte wie exzessive Social-Media-Nutzung können Familien unbemerkt belasten – und wirken bis in Kitas und Schulen hinein. Das Präventionszentrum für Verhaltenssüchte Berlin hat gemeinsam mit der Mynd GmbH ein digitales Lernangebot entwickelt, das pädagogische Fachkräfte unterstützt, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und sensibel zu reagieren. Mit erzählerischer Leichtigkeit und KI-gestütztem Storytelling eröffnet das Projekt neue Wege in der Prävention. Ein Angebot, das neue Perspektiven öffnet – für Kinder, Eltern und Fachkräfte gleichermaßen.

Digitale Medien sind heute Teil des Aufwachsens. Schon im Grundschulalter bewegen sich Kinder sicher in virtuellen Räumen – lernen, spielen und vernetzen sich online. Smartphones und soziale Netzwerke gehören zum Familien- und Schulalltag ebenso wie zu Freizeit und Freundschaften. Diese digitale Selbstverständlichkeit eröffnet Chancen für Bildung und Teilhabe – birgt aber auch Risiken. Zunehmend fällt es Erwachsenen und Kindern schwer, ihr Medienverhalten zu steuern. Wenn das Smartphone zur ständigen Ablenkung wird oder Likes den Selbstwert bestimmen, kann aus Gewohnheit ein belastendes Muster entstehen.

Fachleute sprechen hier von Verhaltenssüchten – Abhängigkeiten, die nicht durch Substanzen, sondern durch wiederkehrendes Verhalten entstehen. Dazu zählen exzessives Gaming, Social-Media-Nutzung oder Online-Shopping. Bei Kindern, deren Eltern von Verhaltenssüchten betroffen sind, wirken sich solche Dynamiken stark auf die emotionale und soziale Entwicklung aus. Pädagogische Fachkräfte erleben im Alltag zunehmend Kinder, die sich zurückziehen, überfordert wirken oder Verhaltensmuster aus ihrem häuslichen Umfeld übernehmen.

Prävention gewinnt dadurch an Bedeutung. Sie verlangt Wissen, Aufmerksamkeit und den Mut, rechtzeitig zu handeln. Fachkräfte sind oft die Ersten, die spüren, wenn sich etwas verändert – doch wie kann man sensibel an ein so persönliches Thema herangehen, ohne zu stigmatisieren? Und wie lässt sich ein solches Thema so vermitteln, dass es im pädagogischen Alltag ankommt? Diesen Fragen widmete sich das Präventionszentrum für Verhaltenssüchte Berlin – und entwickelte gemeinsam mit der Mynd GmbH ein digitales Lernangebot, das pädagogische Fachkräfte im Umgang mit Kindern aus verhaltenssuchtbelasteten Familien stärkt.

Lernbedarfe

Vom Wahrnehmen zum Handeln: Die sechs Leitprinzipien des Kurses zeigen, wie Fachkräfte sensibel, reflektiert und strukturiert reagieren können.

Viele Kinder wachsen in Familien auf, in denen Verhaltenssüchte eine Rolle spielen. Für die Kinder ist dies eine sehr belastende Situation. Betroffene Kinder zeigen in Kita und Schule oft feine Anzeichen – Rückzug, Stimmungsschwankungen oder Konzentrationsprobleme. Oft erkennen pädagogische Teams diese Signale nicht auf den ersten Blick, sondern zwischen den Zeilen des Alltags. Diese Kinder brauchen Erwachsene, die hinschauen, verstehen und stützen – ohne zu bewerten. Viele Lehr- und Erziehungskräfte wünschen sich, Kinder in solchen Situationen nicht allein zu lassen – und brauchen dafür das Wissen und die Sicherheit, richtig zu handeln. Genau hier zeigte sich in vielen Gesprächen ein hoher Bedarf: das Bedürfnis nach Orientierung und Handlungssicherheit im Umgang mit betroffenen Kindern.

Zudem berichteten viele, dass sie sich im Gespräch mit Eltern unsicher fühlen, wenn das Thema Sucht oder digitale Abhängigkeit zur Sprache kommt. Oft fehlen die richtigen Worte – oder schlicht die Zeit, sich tiefer in das Thema einzuarbeiten. Gesucht wurde daher ein Lernangebot, das Wissen vermittelt, ohne zu belehren – und Empathie, Selbstreflexion und Handlungssicherheit gleichermaßen fördert.

Projektverlauf

Ausgehend von den identifizierten Lernbedarfen entwickelte das Präventionszentrum für Verhaltenssüchte Berlin gemeinsam mit der Mynd GmbH ein digitales Lernangebot, das als Antwort auf diese Herausforderungen entstand. Es soll Fachkräfte befähigen, frühzeitig zu erkennen, ob Kinder unter einer Verhaltenssucht innerhalb der Familie leiden, und sensibel darauf zu reagieren. Der Projektverlauf war von Anfang an durch enge Zusammenarbeit, iterative Abstimmungen und eine klare Rollenverteilung geprägt. Während das Präventionszentrum seine fachliche Expertise im Bereich Suchtprävention einbrachte, übernahm das Team von Mynd die konzeptionelle und technische Umsetzung.

Zu Beginn stand die inhaltliche und didaktische Grundkonzeption. Das Projektteam entschied sich bewusst für einen narrativen Ansatz, um ein Thema, das häufig als belastend empfunden wird, niedrigschwellig und emotional zugänglich zu machen. In der Konzeptionsphase wurden erste Charakterentwürfe, Voice-Over-Stimmen und visuelle Stilrichtungen getestet. Parallel entstand die Idee, eine fiktive Erzieherin namens Lara als zentrale Lernfigur einzuführen. Sie führt die Teilnehmenden durch alltagsnahe Situationen in einer Kindertagesstätte, in denen das Verhalten der kleinen Emma subtile Hinweise auf eine mögliche Belastung durch Verhaltenssucht liefert. Durch diese erzählerische Struktur können sich die Lernenden leichter in reale Situationen hineinversetzen und verstehen, wie sich problematisches Verhalten im pädagogischen Alltag zeigen kann. Dieser Perspektivwechsel – vom Wissen zur Empathie – bildete das didaktische Herzstück des Projekts, weil er fachliche Inhalte mit emotionaler Tiefe verbindet.

Als das erzählerische Konzept stand, rückte die technische Umsetzung in den Vordergrund. Der gezielte Einsatz von Künstlicher Intelligenz ermöglichte es, innerhalb kurzer Zeit illustrierte Avatare, KI-generierte Stimmen und animierte Szenen zu entwickeln. In der Alphaphase wurden erste Videoprototypen erstellt, um Stil und Machbarkeit zu prüfen. Die anschließende Betaphase diente der inhaltlichen Abstimmung und Feinarbeit: Skripte wurden überarbeitet, Illustrationen finalisiert und das Feedback aus internen Testläufen eingearbeitet. Nach mehreren Review-Schleifen entstand in der Masterphase die finale Version des Kurses – ein etwa 40-minütiges multimodulares E-Learning mit erzählenden und erklärenden KI-Videos, ergänzenden Materialien und Arbeitshilfen.

Ein zentraler Erfolgsfaktor war der intensive Austausch zwischen allen Beteiligten. Wöchentliche Meetings, agile Arbeitsweisen und klare Kommunikationswege sorgten dafür, dass technische, didaktische und gestalterische Anforderungen stets aufeinander abgestimmt blieben.

Projektergebnis

Hinschauen, bevor etwas übersehen wird: Ein digitales Lernmoment: Die Geschichte von Emma sensibilisiert Fachkräfte für die leisen Signale kindlicher Überforderung.

Bereits kurz nach Abschluss der Entwicklungsphase zeigte sich, dass die gewählte Herangehensweise den Nerv der Zielgruppe traf. Das fertige Lernangebot überzeugte durch eine gelungene Verbindung von inhaltlicher Tiefe, visueller Leichtigkeit und praxisnaher Gestaltung. Durch den erzählerischen Aufbau entsteht ein unmittelbarer Zugang zum Thema, der Fachkräfte nicht nur informiert, sondern emotional erreicht.

Der hybride Lernansatz – eine Kombination aus Web-Based Training, Begleitmaterialien und Beratungsangeboten – sorgt dafür, dass das Gelernte in den Alltag übertragen werden kann. Teilnehmende erleben die Fortbildung nicht als klassische Wissensvermittlung, sondern als Reflexionsprozess, der den Blick für Verhaltensmuster und emotionale Signale schärft. So gewinnen pädagogische Teams Sicherheit darin, sensibler zu beobachten und souveräner zu handeln.

Rückmeldungen aus der Praxis stellten sicher, dass das Lernangebot praxisnah blieb und den Alltag von Erzieher:innen authentisch abbildet. Dadurch konnten Inhalte und Tonalität kontinuierlich an den tatsächlichen Bedarf der Lernenden angepasst werden. Erste Reaktionen aus Tests und Fachgesprächen zeigten, dass die Verbindung aus Storytelling, KI-gestützter Visualisierung und praxisorientierten Aufgaben ein neues Lernverständnis fördert: weg von reiner Wissensvermittlung, hin zu Empathie, Selbstreflexion und Handlungssicherheit. Viele berichteten, dass sie sich nach dem Training sicherer fühlen, Anzeichen von Belastung zu erkennen – und sensibler über das Thema zu sprechen. Damit leistet das Lernangebot einen wichtigen Beitrag, das Thema Verhaltenssucht dauerhaft im pädagogischen Alltag zu verankern und Fachkräfte langfristig zu stärken.

Fazit

Was im Lernalltag überzeugt, entfaltet auch auf institutioneller Ebene Wirkung. Für die Mynd GmbH bedeutete das Projekt, KI-Technologien erstmals konsequent entlang des gesamten Produktionsprozesses einzusetzen – von der Charaktergestaltung über Voice-Over bis zur Postproduktion. Für das Präventionszentrum für Verhaltenssüchte Berlin wiederum markierte es den Beginn eines neuen Präventionsformats. Dieses Format vermittelt Wissen nicht nur, sondern stärkt eine Haltung – aufmerksam, empathisch und handlungsbereit.

Langfristig soll das Lernangebot nicht nur in Einrichtungen, sondern auch in Fachschulungen und Weiterbildungen seine Wirkung zeigen. Ziel ist es, nicht nur für Verhaltenssüchte zu sensibilisieren, sondern auch einen offenen, wertschätzenden Umgang mit einem gesellschaftlich oft tabuisierten Thema zu fördern. Die Kombination aus fachlicher Substanz, emotionalem Zugang und technischer Innovation zeigt, wie wirkungsvoll Blended Learning sein kann, wenn es Kopf und Herz gleichermaßen anspricht.

Der Erfolg des Projekts zeigt, dass Prävention dort ansetzen muss, wo Beziehungen entstehen – im Vertrauen zwischen Fachkraft, Kind und Elternhaus. Indem digitale Lernformate emotionale Zugänge schaffen, können sie mehr leisten als reine Wissensvermittlung: Sie fördern Haltungen, die schützen, stärken und verbinden. Zugleich macht das Projekt deutlich, wie zeitgemäße Prävention aussehen kann – digital, nahbar und wirksam.

Wenn Empathie, Wissen und Technologie zusammenspielen, entstehen Lernformate, die nicht nur informieren, sondern gesellschaftlich etwas bewegen. Mit seiner praxisnahen, berührenden und nachhaltigen Umsetzung zeigt das Projekt, wie präventive Bildungsarbeit digital neu gedacht werden kann – und erhält dafür den eLearning AWARD 2026 in der Kategorie „Blended Learning“ mit dem Schwerpunkt „Suchtprävention“. Herzlichen Glückwunsch!


Keytakeaways

Ausgangssituation:

  • Fachkräfte waren sich unsicher, wie sie Kinder sensibel unterstützen können, die aus verhaltenssuchtbelasteten Familien stammen und unter dieser Situation leiden.
  • Es fehlten praxisnahe Lernangebote, die Wissen und Empathie verbinden.

Projektziel:

  • Handlungssicherheit und Sensibilität im Umgang mit Kindern aus verhaltenssuchtbelasteten Familien stärken.
  • Prävention durch ein digitales, emotional zugängliches Lernformat fördern.

Umsetzung:

  • Entwicklung eines erzählerischen, KI-gestützten Lernangebots durch Mynd und das Präventionszentrum für Verhaltenssüchte Berlin.
  • Storytelling und Reflexionsaufgaben machten komplexe Themen greifbar.

Messung:

  • Feedback aus Tests und Fachpraxis belegte höhere Sensibilität und Handlungssicherheit.
  • Lernangebot wurde als praxisnah und nachhaltig wirksam bewertet.

Projektverantwortliche

Präventionszentrum für Verhaltenssüchte Berlin, pad gGmbH
Sophie Schmid
Projektleitung
sophie.schmid@pzvs.berlin
Schivelbeiner Str.6
10439 Berlin
www.pzvs.berlin

 

Natalie Thiem-Schulze
Referentin
Schivelbeiner Str.6
10439 Berlin
www.pzvs.berlin

 

 

Mynd GmbH
Christian Kuhn
Senior Projektmanager
cku@mynd.com
Leipziger Straße 8
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