Kommunikation als ärztliche Kernkompetenz
Wie digitale Lehre Empathie im Medizinstudium fördert

Wie kann man angehende Ärzt:innen auf jene Momente vorbereiten, in denen Worte oft mehr bewirken als jedes Medikament? Das Universitätsspital und die Medizinische Fakultät der Universität Basel zeigt mit einem neuen Blended-Learning-Ansatz – praxisnah, flexibel und wissenschaftlich fundiert – wie moderne Lehre heute gelingen kann. Digitale Lernmodule, interaktive Fallbeispiele und begleitende Evaluationen vereinen sich zu einem Ausbildungskonzept mit Vorbildcharakter über die Grenzen Basels hinaus – und beweisen, dass Empathie auch im digitalen Raum nicht verloren geht, sondern gezielt gefördert werden kann.

Kommunikation ist weit mehr als eine Zusatzqualifikation – das zeigen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Empathische Gespräche zwischen Ärzt:innen und Patient:innen fördern Vertrauen, erleichtern Entscheidungen und verbessern das Behandlungserlebnis. Ärztliche Gesprächskompetenz ist damit keine Nebendisziplin, sondern eine der zentralen Grundlagen medizinischer Professionalität.

Die Vermittlung dieser Kompetenz im Medizinstudium ist jedoch komplex. Sie erfordert nicht nur theoretisches Wissen, sondern vor allem praxisnahe Trainings, Supervisionen und Feedbacksituationen, die ein hohes Maß an Personal, Zeit und geeigneten Räumlichkeiten beanspruchen. Der Einsatz von Simulationspatient:innen ist etabliert, aber ressourcenintensiv.

Am Universitätsspital Basel und der Universität Basel übernimmt die Abteilung für Medizinische Kommunikation, angesiedelt in der Klinik für Psychosomatik, eine zentrale Rolle in der Lehre. Sie widmet sich der Forschung, Entwicklung und Vermittlung ärztlicher Gesprächskompetenz und gestaltet gemeinsam mit der Medizinischen Fakultät die curriculare Ausbildung in diesem Bereich.

An vielen Fakultäten steigen die Studierendenzahlen, was nach neuen, innovativen Lernformate verlangt. Auch in Basel führte diese Entwicklung zu zunehmender organisatorischer Herausforderung: Bestehende Lehrkonzepte stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen, insbesondere bei praxisintensiven Kursen. Vor diesem Hintergrund entstand an der Fakultät der Bedarf, die Kommunikationsausbildung strukturell und didaktisch neu zu gestalten – mit Blick auf Qualität, Effizienz und Zukunftsfähigkeit.

Lernbedarfe

Theorie trifft auf Interaktion: Das animierte Lernmodul führt Studierende in die Grundlagen der ärztlichen Gesprächsführung ein – flexibel, anschaulich und didaktisch fundiert.

Die Vermittlung kommunikativer Kompetenzen stellt die medizinische Ausbildung vor eine doppelte Herausforderung: Einerseits sollen Studierende lernen, Gespräche empathisch, strukturiert und patientenorientiert zu führen – andererseits müssen Lehrformate entwickelt werden, die dieses Lernen unter den gegebenen Ressourcenbedingungen ermöglichen. Dafür benötigen Studierende Übungssituationen, in denen sie ihr Kommunikationsverhalten gezielt reflektieren können. Theoretisches Wissen allein reicht dafür nicht aus – entscheidend ist, dass sie erleben, welche Wirkung Worte, Tonfall oder nonverbale Signale auf Gesprächsdynamik und Vertrauensbildung auswirken. Dafür braucht es realitätsnahe Szenarien, in denen sie mit Patient:innen interagieren und unmittelbar Rückmeldung erhalten.

Traditionell werden diese Lernziele vorwiegend in Präsenz umgesetzt – etwa in Rollenspielen oder Kleingruppenübungen mit Simulationspatient:innen. Diese Formate ermöglichen wertvolles Feedback und persönliche Reflexion, sind jedoch mit erheblichem organisatorischem Aufwand verbunden. Tutor:innen müssen geschult, Simulationspatient:innen koordiniert und geeignete Räume bereitgestellt werden – ein Aufwand, der mit steigenden Studierendenzahlen weiter zunimmt. Auch Lehrende stehen vor der Herausforderung, qualitativ hochwertiges Feedback zu geben – trotz steigender Studierendenzahlen und begrenzter Zeitressourcen.

Im Austausch mit Studierendenvertretungen an der Universität Basel wurde zudem deutlich, dass die Anforderungen an Lernformate im Wandel sind. Viele Studierende wünschen sich Lernformate, die individuelles Tempo, Wiederholung und eigenständige Vertiefung erlauben. Gleichzeitig erwarten sie praxisnahe Fallbeispiele und interaktive Elemente, die theoretische Inhalte mit klinischen Situationen verbinden. Der Trend zu flexibleren Lernformen spiegelt den Wandel in der Hochschullehre, in der digitale Formate längst fester Bestandteil sind. Auch aus Sicht der Lehrenden wächst der Bedarf an didaktischen Konzepten, die trotz steigender Gruppengrößen individuelles Feedback und praxisnahe Lernprozesse ermöglichen.

Projektverlauf

Die Abteilung für Medizinische Kommunikation am Universitätsspital Basel und der Universität Basel initiierte die Entwicklung eines neuen Lehrformats, um die Kommunikationsausbildung im Medizinstudium effizienter und praxisnäher zu gestalten. Unter der Leitung von Prof. Sabina Hunziker übernahm Dr. Sebastian Gross und Kurt Wunderlich die didaktische und inhaltliche Konzeption. Gemeinsam mit dem Team der Medizinischen Kommunikation und der Medizinischen Fakultät entstand ein Pilotprojekt, das die bisherigen Präsenzvorlesungen zur Gesprächsführung um digitale Lernmodule ergänzen sollte. Ziel war es, die Flexibilität digitaler Module mit der Tiefe persönlicher Interaktion zu verbinden.

Nach der Planungsphase begann die Feinarbeit: Das Team analysierte die relevanten Lerninhalte aus dem Curriculum und überführte sie in ein Blended-Learning-Design. Die theoretischen Grundlagen, die bislang in klassischen Vorlesungen vermittelt wurden, sollten künftig in einem webbasierten Training auf der Lernplattform OpenOlat vermittelt werden. Dafür entwickelte das Team animierte Erklärvideos und interaktive Realfilmsequenzen, in denen Studierende per Klick den Gesprächsverlauf beeinflussen konnten. Je nach gewählter Strategie reagierten die Patient:innen unterschiedlich – ein Ansatz, der Lernende dazu anregte, kommunikative Entscheidungen bewusst zu reflektieren. Vor der Veröffentlichung testeten ausgewählte Studierende das Modul und gaben Feedback, das direkt in die Optimierung einfloss.

Parallel dazu wurde das Evaluationsdesign vorbereitet, um Wirkung und Akzeptanz des Formats systematisch zu erfassen. Die Studie umfasste 164 freiwillige Studierende des zweiten Bachelorjahres Humanmedizin – mithilfe eines REDCap-Tools wurden sie zufällig einer Interventionsgruppe mit E-Learning oder einer Kontrollgruppe mit herkömmlichem Frontalunterricht zugeordnet und im Hörsaal räumlich getrennt. Die Durchführung erfolgte in Präsenz, um Standardisierung zu sichern und technische Hürden zu minimieren.

Besondere technische Herausforderungen ergaben sich bei der Integration der interaktiven Videos in OpenOlat. Um dies zu realisieren, nutzte das Team einen an der Medizinischen Fakultät entwickelten Videobaustein für OpenOlat sowie ergänzend H5P als Autorentool. Nach Abschluss der Pilotphase wurde das Modul intern getestet, optimiert und schließlich unter realen Studienbedingungen eingesetzt. Damit war die Grundlage geschaffen, um Wirksamkeit und Akzeptanz des neuen Formats unter realen Studienbedingungen zu untersuchen.

Projektergebnis

Empathie in Aktion: Die Realfilmsequenzen ermöglichen es, kommunikative Entscheidungen direkt zu beobachten und in der Evaluation nachvollziehbar zu machen.

Die begleitende Evaluation der randomisiert kontrollierten Studie zeigte deutliche Vorteile des neuen Blended-Learning-Formats. In den Wissenstests erzielten Studierende der Interventionsgruppe rund 17 Prozent bessere Ergebnisse als die Kontrollgruppe. Neben dieser quantitativen Verbesserung ergab die qualitative Analyse der Fallbeispiele, dass die Teilnehmenden der Interventionsgruppe einfühlsamer und patientenorientierter reagierten – ein Hinweis darauf, dass das Gelernte auch in simulierten Gesprächssituationen erfolgreich angewendet wurde.

Zur objektiven Erfassung der Ergebnisse wurden Multiple-Choice-Fragen, Videoannotationsaufgaben und Fallbeispiele kombiniert und zu einem standardisierten Score von 0 bis 100 Punkten zusammengeführt. In der Videoannotation markierten die Studierenden Kommunikationsstrategien per Mausklick, während sie in offenen Textantworten auf emotionale Patient:innenreaktionen eingingen. Damit ließ sich der Kompetenzzuwachs über reine Wissensabfragen hinaus nachvollziehen. Zur Sicherung der Vergleichbarkeit erhielten auch Studierende der Kontrollgruppe im Anschluss Zugang zum E-Learning-Modul – ein Aspekt, der Fairness und Transparenz in der Evaluation sicherstellte.

Auch die Rückmeldungen der Studierenden fielen ausgesprochen positiv aus. Besonders geschätzt wurden die interaktiven Realfilmvideos, die Möglichkeit, Entscheidungen aktiv zu treffen, und Gamification-Elemente wie eine sichtbare Bestenliste. Viele Teilnehmende betonten, dass sie durch Selbstlernphasen und Interaktivität ein tieferes Verständnis für Gesprächsdynamiken entwickelten. Der Kurs wurde als modern und praxisnah beschrieben.

Hohe Akzeptanz und messbare Lernerfolge unterstreichen den Mehrwert digitaler Module in der medizinischen Ausbildung. Das Konzept soll daher fortgeführt und auf weitere Themenfelder wie das „Motivational Interviewing“ ausgeweitet werden. Zudem ist geplant, den Online-Kurs dauerhaft in die Lehre zu integrieren und schrittweise zu einem Flipped-Classroom-Format weiterzuentwickeln.

Fazit

Das Projekt des Universitätsspitals Basel und der Universität Basel zeigt beispielhaft, wie sich digitale Lernformate in einem praxisorientierten Studiengang nachhaltig verankern lassen – und wie Blended Learning das Verhältnis von Theorie und Praxis in der medizinischen Ausbildung neu definiert. Studierende bevorzugen es, theoretische Grundlagen flexibel online zu erarbeiten, um die wertvolle Präsenzzeit gezielt für praktische Anwendung und Austausch zu nutzen.

Die Erkenntnisse prägen inzwischen die Lehrplanung an der Medizinischen Fakultät. Auch Lehrende berichten, dass das Format den Unterricht effizienter gestaltet und mehr Raum für individuelle Betreuung schafft. Daraus entstand ein Konzept, das digitale Selbstlernphasen und Präsenzunterricht systematisch verbindet – mit dem Ziel, ein Blended-Learning-Modell für das gesamte Medizinstudium zu etablieren. Die Einführung des Formats in einem traditionell geprägten Lehrkontext erwies sich als anspruchsvoll, zugleich aber besonders gewinnbringend.

Die Kombination aus webbasierter Theorievermittlung und interaktiven Realfilmsequenzen gilt heute als innovativer und praxisnaher Weg, um kommunikative Kompetenzen messbar zu fördern – ein Modell mit Vorbildcharakter weit über Basel hinaus. Mit ihrer Initiative zeigt das Universitätsspital Basel und die Universität Basel, wie digitale Bildung in der Medizin langfristig und wirkungsvoll verankert werden kann, und erhält dafür von der Jury den eLearning AWARD 2026 in der Kategorie „Blended Learning“ mit dem Schwerpunkt „Medizinische Kommunikation“. Herzlichen Glückwunsch!


Keytakeaways

Ausgangssituation:

  • Kommunikationsausbildung war ressourcenintensiv und stieß bei steigenden Studierendenzahlen an Grenzen.
  • Es bestand Bedarf nach effizienteren, flexiblen Lehrformaten bei gleichbleibender Qualität.

Projektziel:

  • Entwicklung eines Blended-Learning-Formats zur Verbindung digitaler Theorie und praxisnaher Präsenz.
  • Verbesserung von Qualität und Effizienz der Lehre trotz wachsender Gruppen.

Umsetzung:

  • Kombination aus webbasierten Lernmodulen und interaktiven Realfilmsequenzen mit wählbaren Gesprächsverläufen.
  • Evaluation mit 164 Studierenden in einer randomisiert kontrollierten Studie.

Messung:

  • Interventionsgruppe erzielte rund 17 % bessere Testergebnisse als die Kontrollgruppe.
  • Hohe Akzeptanz und gesteigertes Verständnis für Gesprächsdynamiken.

Projektverantwortliche

Universitätsspital Basel
Dr. Sebastian Gross
Postdoc
sebastianseverin.gross@usb.ch
Klingelbergstrasse 23
4031 Basel, Schweiz
www.unispital-basel.ch/medizinische-kommunikation

Universität Basel
Kurt Wunderlich
Verantwortlicher E-Didaktik / E-Learning
kurt.wunderlich@unibas.ch
Klingelbergstrasse 61
4056 Basel, Schweiz
www.unibas.ch