Hype oder Trend – Lohnt sich die Anschaffung einer LXP?

Alle Jahre wieder soll eine neue Technologie „the next big thing“ der eLearning-Branche sein. In der Praxis klafft allerdings oftmals eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwischen dem initialen Hype und der tatsächlichen, breitflächigen Nutzung in Unternehmen vergehen dagegen in der Regel Jahre, wenn sich der Trend überhaupt durchsetzen kann. In unserem Interview erklärt Christian Friedrich, der Geschäftsführer Digital Learning Solutions bei der Haufe Akademie, welche Rolle Learning Experience Platforms zukünftig spielen können und wieso sich deren Einsatz für die betriebliche Bildung einen Mehrwert darstellt.

eLearning Journal: Das Thema „Learning Experience Platform“ (kurz LXP) scheint in der HR-Branche in aller Munde zu sein. Aber um einmal kritisch nachzufragen: Wird da nicht – im Bezug zu Learning Management Systemen (LMS) – gerade alter Wein in neuen Schläuchen verkauft? Wie unterscheiden sich LXP und LMS?

Christian Friedrich: Tatsächlich werden diese beiden Begriffe auf Anbieterseite häufig synonym verwendet. Als wir mit unserer eigenen LXP loslegten, hieß das Initialbriefing: Wenn wir etwas entwickeln, dann nicht das nächste LMS (lacht). „Experience“ bedeutet nämlich nicht, einem LMS eine fancy Oberfläche zu geben und das Ganze dann LXP zu nennen. LXP kommt unserer Auffassung nach aus einer anderen Richtung, adressiert einen anderen Bedarf und stiftet einen anderen Nutzen. Ein LMS ist Teil einer sehr klassischen Art von digitalem Lernen. Typischerweise wird Lernen darüber organisiert, z.B. wenn ein zentral gemanagter Lernpfad im Unternehmen besteht, zugeordnet zu Jobrollen, einem Qualifizierungsanspruch und einem Reporting. Das ist für mich formales Lernen. Wie aber individualisiere ich Lernen und bringe es, integriert in den realen Arbeitskontext, so nah an die Menschen, damit es „erlebbar“ wird? Genau das ist jene Dimension, die üblicherweise in einem LMS gar nicht berücksichtigt wird, obwohl beispielsweise der informelle Bereich einen Großteil unseres gesamten Lernens ausmacht. Eine Differenzierung zwischen LMS und LXP setzt also meiner Ansicht nach beim Unterschied zwischen formalem und informellem Lernen an – und reicht bis zur Verschmelzung von Lernen und Arbeiten auf sehr individueller Ebene. Genau das, so war und ist es unser Anspruch, sollte eine LXP leisten und abdecken.

eLearning Journal: Das Thema Learning Experience spielt demnach also eine wichtige Rolle. Doch wie kann eine LXP dieses Thema konkret unterstützen?

Christian Friedrich: Das klassische Problem beim Lernen sehen wir, wenn wir Google nutzen. Zwar bekommt man hier situativ Unterstützung, wenn ich aber nicht die richtige Frage formulieren kann, bleibt die gute Antwort aus. Ein Lernender kann nur gezielt suchen, aber alles weitere Wissen bleibt ihm verborgen. Wie kann es also gelingen, Mitarbeitern Relationen und Verbindungen von verwandten Themen zu zeigen, obwohl diese davon noch gar nichts wissen? In unserer Plattform, der Haufe Learning Experience (HLX), werden durch semantische Netzwerke Verwandtschaften von Themen abgebildet. Wir haben unsere Plattform selbst intern im Einsatz und setzen dabei auch stark auf usergenerierten Content. Der Nutzer sieht inhaltliche Ähnlichkeiten und bekommt unterschiedliche Vorschläge. Beispielsweise sieht er, woran andere Kollegen gerade arbeiten und kann entscheiden, ob diese Angebote für ihn passend sind. Die Nutzer können aber auch „Mentoren“ werden, sodass sie als Experten für Themen sichtbar werden. Ein lernender Mitarbeiter findet nicht nur Inhalte, sondern auch Menschen und kann mit anderen Kollegen neue Erfahrungen machen. Damit schaffen wir die Verbindung von beidem: einem synchronen Setting, in dem sich Lernende direkt miteinander austauschen und einem asynchronen Setting, in dem der Lernende Lerninhalte, nach Bedarf, in unterschiedlichen Formaten abrufen kann.

eLearning Journal: Welche konkreten Mehrwerte kann eine LXP einem Unternehmen bieten? Oder anders formuliert: Lohnt sich die Anschaffung einer LXP?

Christian Friedrich: In der Taktung, wie Wissen sich erneuert, und so dezentral und spezialisiert wie Menschen arbeiten, wird der Bedarf, was und wie gelernt wird, immer individueller. Es muss Möglichkeiten für selbstgesteuertes Lernen auch im strategischen Bereich geben. Eine gute Learning Experience Plattform erfasst die Bedürfnisse der Lernenden und unterstützt die Mitarbeiter in ihren individuellen Lernprozessen. Sie schließt damit zum einen jene Lücke, die eine Personalabteilung hinterlässt, weil sie diesen situativen und rein bedarfsgetriebenen Lerninhalt gar nicht erfassen kann. Und, die Plattform unterstützt andererseits die Gesamtorganisation darin, Wissen und vorhandene Kompetenzen schnell, individuell und bedarfsorientiert in die Breite zu tragen. Auf Basis einer LXP also, die genau hier unterstützt, werden wir Silos in Organisationen einreißen und Kollaboration und Peer Learning fördern. Lernen für Unternehmen wird noch effizienter wirken. Dann lautet meine Antwort natürlich: Ja, die Anschaffung lohnt sich.

eLearning Journal: Welche Rahmenbedingungen sollten Ihrer Erfahrung nach für die erfolgreiche Einführung einer LXP in einem Unternehmen gegeben sein?

Christian Friedrich: Eine Organisation muss natürlich eine gewisse Reife mitbringen, damit solche Plattformen gut angenommen werden. Das hat zum einen mit Hierarchien zu tun. Da muss man schon genau hinschauen, beispielsweise ob Expertise und Knowhow an Machtstrukturen geknüpft sind. Wenn ja, wird es schwerer werden, sobald es um das Thema User-generated Content, Mentoren und ‚Community of Practice‘ oder grundsätzlich um das Teilen von Expertise geht. Zum anderen hat es mit der Lernkultur im Unternehmen zu tun. Unsere Erfahrung zeigt, dass die erfolgreiche Einführung eine Öffnung der Lernkultur braucht. Damit meine ich, dass Arbeiten und Lernen zu einer akzeptierten Selbstverständlichkeit im Unternehmen werden und miteinander verschmelzen müssen.

eLearning Journal: Ein weiteres aktuelles Trendthema ist die Künstliche Intelligenz (KI), bei der es teilweise auch Überschneidungen mit LXP gibt. Können Sie kurz erläutern, wie in der Haufe Learning Experience Plattform KI konkret genutzt wird?

Christian Friedrich: Wir nutzen die KI, um Lernprozesse zu unterstützen. Sie gleicht ab und matcht Profile oder ‚Community of Practice‘ miteinander, die an ähnlichen Themen arbeiten. Dadurch können sich Peergroups mit gewissen Stärken und Interessen finden oder es werden bestimmte Lernbausteine an Personen empfohlen. Wenn beispielsweise ein Video hochgeladen und transkribiert wird, dann analysiert eine KI das Video und ordnet es einem unserer definierten Cluster zu. Und die KI berücksichtigt auch die Heterogenität der Lernenden. Sie vermeidet es, den Einsteiger mit unpassenden Vorschlägen zu überfordern oder den Profi mit Inhalten zu langweilen, die nicht sein Level sind. Das funktioniert, indem wir den „Gefällt mir“-Daumen in „bringt mir etwas“ umdefiniert haben. Dadurch erhöht sich die Intelligenz im System und unterstützt Lernende immer besser auf einer individuell-qualitativen und thematischen Ebene. Das kann KI leisten und dann ist sie sinnvoll eingesetzt. Wir sollten aber auch nicht allen Wert und alle Lösungen ausschließlich in der KI suchen, denn die ist letztlich auch nur Mittel zum Zweck. Wir sollten vielmehr prüfen, welche Instrumente Organisationen und Mitarbeitern wirklich helfen, um Ziele wie bessere Vernetzung, mehr Entwicklungs- und Innovationspotenzial oder Sinnhaftigkeit zu erreichen. Den passenden Weg und die richtige Methode finden, das ist das, worauf wir als Haufe Akademie den Fokus legen.


Zitat:

„Es muss Möglichkeiten für selbstgesteuertes Lernen auch im strategischen Bereich geben“, findet Christian Friedrich, Geschäftsführer Digital Learning Solutions bei der Haufe Akademie. Foto: Haufe Akademie.


Profil:

Christian Friedrich

verfügt über mehrjährige Erfahrung als CEO und COO bei Digital- und e-Learning-Agenturen und ist zertifizierter Business- und Management Coach.